Ted van Lieshout: Wo bleibt das Meer?

Ted van Lieshout: Wo bleibt das Meer?

Auf der Suche nach Identität

An der Schwelle zur Pubertät beschäftigen sich viele Kinder/Jugendliche mit Fragen der Identität. Was waren sie bisher? Was wollen sie werden? Wohin geht der Weg? Das Meer kann als Sinnbild für die Sehnsucht nach Ferne, nach Veränderung stehen. In diesem Gedichtband sind Gedichte gesammelt, die Lieshout zwischen 1985 und 2015 geschrieben hat und die sich mit dem „Sich-Finden und Sich-Abgrenzen, Ungeduld und Neubeginn“ (Verlagsseite) beschäftigen.

Aus dem Klappentext:
Kindheit an der Schwelle zum Erwachsensein entfacht einen Orkan der gegensätzlichsten Gefühle. Die heimische Geborgenheit wird langsam eng, und die Welt stellt Fragen, die das momentane Zuhause nicht mehr beantworten kann. Das Meer, das es zu entdecken gibt, ist weit und noch unendlich weit weg. Ein Lebensgefühl, das manche Menschen ein Leben lang in sich tragen.

In seinen Gedichten greift Ted Lieshout viele Themen auf, die Kindern durch den Kopf gehen. Darunter auch ganz unzensierte Gedanken. Die Erwachsenen kommen in dieser Gedankenwelt oft nicht gut weg, ihre Entscheidungen werden als grausam empfunden und abgelehnt. Auch über ihren Tod wird nachgedacht. Was wäre, wenn es die Eltern nicht mehr gäbe? An anderer Stelle werden Eltern oder Großeltern schmerzlich vermisst oder relativ nüchtern über ihren Tod nachgedacht.

Da ist das Meer!

Unser Auto fährt nicht schnell genug.
Ich öffne das Fenster ein Stück weit
und rieche das Meer. Nervös suche

ich über den Dünen nach Himmel,
der das Wasser berührt. Und endlich,
da ist es, das Meer hat die ganze Zeit

gewartet, bis ich kam. Wiederkam,
nachdem ich wegfahren musste,
weil eine grausame Mutter es wollte.
(…)

Schweifende Gedanken eingefangen

Wie wird es sein, wenn ich älter werde? Werden mich meine Eltern auch dann lieben, wenn ich ihre Erwartungen nicht erfülle? Werde ich alleine zurechtkommen? Wer bin ich und was kann ich werden? Solche Gedanken werden in den Gedichten aufgegriffen. Manche davon fand ich sehr berührend. Oft war ich erstaunt, mit welcher Klarheit, mit welch wenigen Worten ein Lebensgefühl wiedergegeben werden kann.

Kein Land ist übrig, das ich noch
entdecken kann. Sondern nur diese
eine Insel, die ich heißt. (aus: Insel)

Etliche der Gedichte tragen Sehnsucht in sich. Sehnsucht nach dem Meer, Sehnsucht nach Zärtlichkeiten, Sehnsucht nach Liebe. Gleichzeitig wird der Alltag scharf beobachtet, Kleinigkeiten wie Motten geben Anlass zu tiefsinnigen Betrachtungen.

Der Autor schafft es meiner Meinung nach hervorragend, das jugendliche Lebensgefühl in Worte zu fassen, die Suche, die Unsicherheiten, der Wunsch, dass aus der Raupe Kind der Erwachsene wie ein schöner Schmetterling hervorschlüpft. Jugendliche dürften sich und ihre Gefühlswelt hier wiederfinden und sich ernst genommen fühlen. Jugend ist die Zeit, in der in vielen die Liebe zu Gedichten wächst, weil sie ohne großes Herumreden vieles auf den Punkt bringen. Das gelingt hier hervorragend.

Aber auch für Erwachsene ist die Lektüre aufschlussreich. Ich zumindest fühlte mich an den einen oder anderen lange vergessenen Moment meiner Jugend erinnert.

Fazit: Gedichte, die bei der Sinnsuche auf dem Weg zum Erwachsenwerden helfen. Die die Kinder ab 12 Jahren dabei unterstützen, ihr Gefühlschaos zu ordnen, ihre Sehnsüchte in Worte zu fassen und zu erkennen, dass schon unzählige andere den gleichen Weg vorausgegangen sind.

Ted van Lieshout: Wo bleibt das Meer? Gedichte. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Susanna Rieder 2017. 64 Seiten, Euro 14,50, ISBN 978-3-946100089.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.