Lutz van Dijk: Die Geschichte Afrikas

Eine Geschichte eines ganzen Kontinents auf 2 CDs? Eines Kontinents mit einer so bewegten Geschichte wie die Afrikas? Aufbereitet für Kinder – kann das funktionieren?  Diese Frage stellte ich mir, als ich die CD von Lutz van Dijk entdeckte. Dennoch zögerte ich keine Sekunde. Was wissen meine Kinder über Afrika? Das wenige, was im Zuge der Fußball-WM im Fernsehen berichtet wurde. Auch in Geografie steht wohl in einem Schuljahr Afrika auf dem Lehrplan. Immerhin – das ist mehr, als ich in meiner Kindheit über diesen Kontinent erfahren habe. Abgesehen von Ägypten kam Afrika kaum vor. Das, was ich heute weiß, habe ich mir im Laufe der Jahre durch Lektüre und Fernsehberichte angeeignet, allerdings ohne irgendein System. So erwartete ich auch für mich einigen Gewinn aus diesem Hörbuch für Kinder.

Es beginnt mit einem Vorwort des Friedensnobelpreisträgers Desmond M.Tutu, der sich offensichtlich ebenfalls fragte, ob es möglich ist, so viele komplexe Informationen in so kurzer Zeit zusammenzufassen. Er antwortet selbst: „Es IST möglich, die Geschichte dieses Kontinents zu erzählen, durch die vielfältigen Stimmen afrikanischer Frauen und Männer, alter wie junger Menschen, in ihren eigenen Worten, mittels ihrer persönlichen Erfahrungen, …“

Die Darstellung beginnt mit dem Gedicht eines 13jährigen ghanaischen Mädchens, das fragt: „Mutter Afrika, siehst du alle deine Kinder?“

In einem Prolog wird zunächst ein Überblick über das heutige Afrika gegeben: Es ist der zweitgrößte Kontinent, sechsmal so groß wie Europa, bewohnt von 850 Millionen Menschen, die mehreren 1000 ethnischen Gruppen angehören und über 1000 verschiedene Sprachen sprechen. 50 % sind Christen, 40 % Muslime, die restlichen 10 % gehören meist traditionellen Religionen an, sind Juden oder Hindus. Auch auf einige Probeme wird bereits hier hingewiesen, so dass New York so viel Strom verbraucht wie ganz Afrika oder europäisches Vieh mehr Getreide frisst, als allen Afrikanern zur Verfügung steht.

Dann geht es weit zurück in die Zeit … Ein Mythos berichtet über die Entstehung der Welt aus afrikanischer Sicht. Afrika ist der Kontinent, wo alles begann. Dort wurden Knochen der Urmenschen gefunden, von dort aus verbreiteten sich die Menschen über den Rest der Welt, erste Sprachen entstanden und schließlich entstand am Nil eine Hochkultur mit einer eigenen Schrift, großartigen Bauten und dem ersten Kalender mit einer Einteilung in 365 Tage – die Vorlage für unsere heutigen Kalender. Berichtet wird von der Geschichte der Nubier, von Mali, von Wanderung und Verbreitung der Bantuvölker, von  der Ausbreitung von Christentum und Islam. Es wird deutlich, dass es sich um einen Kontinent mit einer reichen Geschichte handelt, der dennoch von den europäischen Kolonialvölkern als geschichtslos behandelt wurde.

Als nächstes schilder van Dijk die Geschichte der Kolonisierung Afrikas durch die Europäer, die 1415 mit der Eroberung einer ersten Stadt in Marokko durch die Portugiesen beginnt. Nach der Entdeckung Guineas 1444 werden erste Handelsstationen errichtet. Eindrücklich wird deutlich gemacht, wie Menschenhandel und Ausbeutung im Laufe der Zeit immer größere Ausmaße annehmen, so dass schließlich 20-50 Millionen Afrikaner versklavt wurden, wobei vollkommen unklar ist, wie viele auf der Jagd, dem Transport oder bei Fluchtversuchen starben.

Die folgenden Kapitel schildern die Kämpfe der Zulu gegen die Briten, den Völkermord der Deutschen an den Herrero in Namibia und die Position Afrikas in den beiden Weltkriegen.

Während die erste CD die Geschichte Afrikas von Anbeginn der Zeiten bis zum Ende des 2. Weltkrieges zusammenfasst, widmet sich die zweite CD ausschließlich der Zeit von 1946 bis heute: den Befreiungsbewegungen, der Unabhängigkeit, den neuen, oft despotischen Regierungen, der Rolle der afrikanischen Frau (wobei auch das Thema Beschneidung angesprochen wird), der Apartheid, dem Völkermord in Ruanda und AIDS. Sie schließt mit einem Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung des Kontinents.

Selbstverständlich ist es tatsächlich unmöglich, eine so komplexe Geschichte auf zwei CDs zusammenzufassen. Vieles wird nur exemplarisch geschildert – KANN nur exemplarisch dargestellt werden. Der erwachsene Hörer empfindet einige Leerstellen als störend, hätte vielleicht an der einen oder anderen Stelle andere Länder, Menschen oder Konflikte als Beispiel gewählt. Auch fällt auf, dass Nordafrika auf der zweiten CD kaum vorkommt, eine Einschränkung auf Schwarzafrika vorgenommen wird. Dennoch muss man sagen, dass man in diesen 138 Minuten weit mehr über Afrika erfährt, als es die meisten Menschen in ihrer gesamten Schulzeit tun. Die erste CD lässt sich gut in einem Stück hören und ist sehr gut verständlich. Auf der zweiten CD dagegen dringt eine Menge an Namen und Fakten auf die Zuhörer ein, die beim ersten Hören nicht zu fassen und zu begreifen ist. Gerade für Kinder, die noch nichts über die Herrscher und Konflikte wissen, die uns Erwachsenen seit unserer Kindheit in den Nachrichten begegnet sind, ist dies ein wenig komplex. Hier ist es sinnvoll, zwischen den einzelnen Kapiteln Pausen einzulegen, um das Gehörte zu verarbeiten und evtl. zu besprechen. Manche Unübersichtlichkeit ist hier vielleicht auch der gegenüber dem Buch vorgenommenen Kürzung geschuldet. Die Kapitel über die Rolle der Frauen oder AIDS sind dann wieder leichter verständlich.

Das heißt jedoch nicht, dass Kinder das Hörbuch uninteressant oder gar langweilig finden, im Gegenteil, meine Söhne haben sehr gespannt zugehört und werden die CDs bestimmt noch häufig auflegen. Empfohlen wird das Hörbuch ab 12 Jahren, bei Interesse an Geschichte kann sie durchaus ab 10 gehört werden, auch wenn dann vielleicht noch nicht alles verstanden wird. Vieles ist ohnehin schwere Kost, so dass die Eltern für Erklärungen und Gespräche bereitstehen sollten. Nach oben hin würde ich keine Grenze setzen: Wer nicht gerade Afrika-Experte ist, findet ganz sicher neue Informationen oder profitiert ihrer systematischen Aufarbeitung.  Einziges Manko: Auf den Innenseiten der Hülle sind Karten des kolonialen Afrikas und der heutigen afrikanischen Staaten abgebildet. Ich hätte mir mehr visuelles Material in einem ausführlicheren Bokklet gewünscht: Karten, Daten, kurze Übersichtsdarstellungen. Trotzdem: Ein Hörbuch für jeden, der sich für Afrika interessiert.

Über den Autor: Lutz van Dijk ist ein deutsch-niederländischer Schriftsteller, der sich stark gegen die Apartheit engagierte und deshalb bis 1990 nicht nach Südafrika einreisen durfte. Heute lebt er in Kapstadt, wo er sich mit einer von ihm mitbegründeten Stiftung um Kinder kümmert, die von AIDS betroffen sind. Weitere Publikationen (Auswahl): „Die Geschichte der Juden“, „Romeo und Jabulile“, „Themba“, „Von Skinheads keine Spur“, mehr auf seiner Homepage.

Lutz van Dijk, Die Geschichte Afrikas, Campus 2005, 2 Cds, 138 Minuten, Euro 19,90, ISBN 978-3-86800-205-8

Sprecher: Andrea Wolf, Helge Heynold, Susanne Grawe

Inhalt:

CD1:

1 Einleitende Worte von Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond M. Tutu

2 Wo alles begann: Afrikanische Zeiten: von 550 Millionen Jaren vor Christus bis 5000 vor Christus

3 Wie Menschen zusammenleben: Afrikanische Zivilisation von 5000 vor Christus bis 1500 nach Christus

4 Wie Europäer einen Kontinent unter sich aufteilen: Afrikas Untersrückung von 1500 bis 1945

5 Ein kurzer Sieg: Die Zulu und die Briten

6 Dann eben Völkermord: Die Herero und die Deutschen

CD2:

1 Warum der Weg zur Freiheit so lang ist: Afrikanische Befreiungen – von 1945 bis heute

2 Macht und Machtmissbrauch: Befreier und Despoten

3 Tradition und Moderne: Frauen erheben ihre Stimmen

4 Späte Befreiung im Süden: Das Ende der Apartheid

5 Freiheit: ja, Frieden: nein – Der Völkermord in Ruanda

6 Seid sorgsam und respektvoll – AIDS in Afrika

7 Afrika – wie wird es weitergehen?

3 Kommentare zu “Lutz van Dijk: Die Geschichte Afrikas

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