Ulrike Hartmann: MutterSchuldGefühl

Es gibt Bücher, die beginnt man zu lesen und denkt schon beim ersten Satz: „Stimmt!“, und beim zweiten: „Ganz genau!“ und dann geht es fast das ganze Buch so weiter. In meinem speziellen Fall denke ich dann bei jedem zweiten Satz, dass ich ihn unbedingt im Blog zitieren muss, bis mir irgendwann bewusst wird, dass ich schlecht das ganze Buch abschreiben kann. Solch ein Buch ist „Mutterschuldgefühl. Vom täglichen Anspruch, immer das Beste für die Kinder zu wollen“ von Ulrike Hartmann. Das Buch thematisiert die hohen Ansprüche, die heutzutage an uns Mütter gestellt werden. Schon in der Schwangerschaft wird erwartet, dass man viele Ratgeber liest und noch mehr Untersuchungen über sich ergehen lässt – damit bloß nichts „schiefgeht“. Wo unsere Mütter mehr oder weniger gelassen durch neuen Monate Schwangerschaft gegangen sind, wird an heutige Schwangere der Anspruch gerichtet, alles für das „perfekte“ Baby zu tun. Und ist das Kind erst einmal da, wird es keineswegs besser: Frühförderung ist angesagt, denn schließlich will ja jede Mutter das Beste für ihr Kind, und jede hat schon davon gehört, wie wichtig die ersten fünf Jahre sind. Im Kindergarten, von dem sich viele Frauen eine gute Betreuung für ihre Kinder erhoffen, damit sie wieder arbeiten können, erwartet sie stundenlanges ehrenamtliches Engagement, das die gewonnene Zeit wieder auffrisst. Ist das Kind schließlich in der Schule angekommen, wird von den Eltern erwartet, als Hilfslehrer tätig zu werden. Schon den kleinsten Kindern wird der Leistungsgedanke nahegelegt, bereits Erstklässler wissen, dass sie unbedingt mal aufs Gymnasium wollen. Und das Schlimmste daran: Bei allem, was nicht klappt, ist irgendwie die Mutter schuld. Und so entwickelt sie in null Komma nichts die Mutterschuld.

Wie gesagt, sehr viele Passagen dieses Buches konnte ich, ebenfalls zweifache Mutter, unterschreiben. An einigen wenigen Stellen konnte ich zu meiner Freude feststellen, dass manche Entwicklungen hier auf dem Land scheinbar noch nicht angekommen sind oder wir einfach Glück hatten, beispielsweise mit den Ärzten. Hartmann zeigt keinen Ausweg aus dem Dilemma auf. Manches, zum Beispiel das Schulsystem, kann man nicht ohne weiteres ändern. Aber allein, dass sie dem Leser (oder vermutlich der Leserin) vor Augen führt, nach welcher Methode diese Schuldgefühle  produziert werden, wirkt erlösend. Eigentlich weiß man es ja: Diese Hyper-duper-Mütter aus dem Fernsehen oder der Werbung, die gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Selbst einige wenige Mütterexemplare, die vor dem geistigen Auge der Leserin sichtbar werden könnten, sind vermutlich auch nicht immer so, wie sie es nach außen gerne vermitteln. Aber als Mutter wird einem häufig, viel zu häufig, das Gefühl vermittelt, an allem schuld zu sein: Gehen wir arbeiten, schaden wir der zarten Kinderseele. Bleiben wir zu Hause, erzeugen wir unselbstständige Kinder. Hat das Kind schlechte Noten, hat doch sicherlich die Mutter nicht mit ihm geübt, fehlt eine Hausaufgabe, hat Mama nicht aufgepasst, ist es häufig krank, war sie nicht genug an der frischen Luft – diese Liste ließe sich unendlich fortführen. Das müssen wir uns nicht gefallen lassen, fordert Hartmann: „Und so verabschiede ich mich schließlich leichten Herzens von dem Ideal der perfekten Mutter und dem Anspruch, meinen Kindern Tag für Tag nur das Beste geben zu müssen. … Ich bleibe mir lieber selbst treu, denn darin bin ich am besten … Ich probiere, experimentiere, lerne und staune, irre mich häufig und oft mache ich es gut. Und den Kindern geht es bestens dabei.“ Sie stellt fest, dass sie, wenn sie sich selbst wieder mehr schätzt, ihren Kindern anders gegenübertritt. Vielleicht unvollkommen, aber besser gelaunt. Und kommt zu dem Schluss, dass es viel leichter fällt, unvollkommene Menschen zu lieben und sie ernst zu nehmen.

Ich bin selbst eine dieser Mütter, die stapelweise Ratgeber gelesen hat. Viele davon scheinen mir heute verzichtbar. Aber dieses Buch sollte wirklich in jeder Familie zu finden sein, damit Mütter begreifen, dass sie die Ansprüche an sich selbst nicht immer höher schrauben müssen. Damit sie von Anfang an verstehen, dass sie nicht alles mit sich machen lassen und nicht dem hohen Perfektionsanspruch der Gesellschaft nachgeben müssen. Zum Glück sind Mütter nämlich Menschen mit Ecken und Kanten und keine Roboter.

Über die Autorin: Ulrike Hartmann, studierte Germanistin, Soziologin und Politologin lebt als freie Autorin in Essen. MutterSchuldGefühl ist ihr erstes Sachbuch. Mehr Infos gibt es auf ihrer Homepage.

Ulrike Hartmann: Mutterschuldgefühl. Vom täglichen Anspruch immer das Beste für die Kinder zu wollen. Südwest 2010. 208 Seiten, Euro 16,99, ISBN 978-3-517-08631-6.

2 Kommentare zu “Ulrike Hartmann: MutterSchuldGefühl

  1. Sehr schön, habe meine Tochter die ersten beiden Jahre völlig allein erzogen und bin „nur“ meinem Bauchgefühl gefolgt. Heute, 30 Jahre später, ist sie selber stolze Mutter und gemeinsam mit ihrem Mann leben die beiden dem kleinen Racker das richtige Leben vor. Liebe und Konsequenz. DAS ist das ganze Geheimnis. Dann klappt es sogar mit dem Nachbarn 😉

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