Nathan Luff: Nichts für Weicheier

Ende des Jahres hatten die Bücherkinder noch einige Rezensionsexemplare übrig und suchten interessierte Rezensenten. Ich meldete mich und erhielt „Nichts für Weicheier“:

Leseratte Nick lebt seit dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter in Sydney. Er ist unsportlich, hat keine Freunde, aber umso mehr Ängste. Immer, wenn er sich ängstigt oder aufregt – also oft – bekommt er einen Asthmaanfall. So auch, als seine Mutter ihm eröffnet, dass sie an einem Sprachkurs in Italien teilnehmen wird, er aber nicht mitdarf, sondern solange bei seinen Verwandten auf einer Farm bleiben soll. Italien wäre sein Traum, weil es dort massenhaft interessante Museen gibt. Die Farm dagegen ist ein Alptraum, denn dort wohnen seine schrecklichen Cousins. Alle Proteste helfen nicht, seine Mutter setzt ihn irgendwo in der Wildnis auf der Farm seines Onkels und seiner Tante ab. Nick schildert seine Erlebnisse dort voller Ironie:

Zu Mittag aßen wir zusammen – das heißt, die Erwachsenen saßen am Tisch und wir Kinder sollten uns durch den Konsum eines brutalen Actionfilms näherkommen.

Nick hat einen riesigen Stapel Bücher eingepackt und hofft, die Ferien möglichst ungestört mit einem Buch in der Ecke verbringen zu können. Doch nach einem Tag Schonfrist will Tante Gwen einen „ordentlichen Jungen“ aus ihm machen. Sie teilt ihn zur Arbeit ein, verdonnert ihn zu einem Schwimmkurs, bei dem er beinahe ertrinkt und schickt ihn mit seinen wilden Cousins nach draußen zum Spielen. Als sie ihm auch noch seine Bücher wegnimmt, sperrt er sich trotzig in seinem Zimmer ein. Leider bekommt er so auch nichts zum Essen und Trinken, sodass er dankbar auf das Angebot der beiden Cousins eingeht, ihn durchs Fenster zu befreien und zu dem Ort zu bringen, an dem die Tante die Bücher versteckt hat. Gemeinsam machen sie sich auf den Fahrrädern davon und schnell merkt er, dass sie ihm gar nicht wirklich helfen wollen. Nach vielen Abenteuern, die ihm mehr blaue Flecke und Schürfwunden zufügen als in seinem ganzen bisherigen Leben, landet er in einer verlassenen Miene. Als er dort verschüttet wird, hat er viel Zeit, über sich, den verstorbenen Vater, die Beziehung zu seiner Mutter und seine Verwandtschaft nachzudenken …

Das schwächliche intellektuelle Stadtkind muss einige Zeit unter rauen Bedingungen auf dem Land verbringen und lernt dort (auf die harte Tour) Werte wie Kameradschaft kennen und kann seine Probleme aus einer anderen Perspektive sehen und neu bewerten. Die Idee ist nicht unbedingt neu, aber von Luff (der selber auf einer Farm aufgewachsen ist) zu einer originellen Geschichte umgesetzt worden, die schnell ein rasantes Tempo aufnimmt. Die Ereignisse überschlagen sich, der bemitleidenswerte Nick gerät von einer haarsträubenden Situation in die nächste. Nick wird ständig mit neuen Herausforderungen konfontriert und stellt fest, dass er mehr schaffen kann, als er jemals von sich gedacht hätte. Er bginnt, sich und seine Situation mit anderen Augen zu betrachten und erkennt, dass er nach dem Tod seines Vaters in die Welt der Bücher geflüchtet ist, weil ihm dort nichts passieren kann, dass es nun aber an der Zeit ist, sich dem wirklichen Leben zu stellen.

Lustige und spannende Passagen wechseln sich ab, der kindliche Leser kann sich mal mit der Leseratte, mal mit den wilden Cousins identifizieren (oder auch nur mit einer der beiden Seiten, je nachdem). Aber fast jeder wird sich in die Situation versetzen können, sich entweder etwas zu etwas überwinden zu nüssen, wenn man nicht als Feigling dastehen möchte oder aus Zorn oder Trauer zu Dingen fähig zu sein, die man sich selbst nicht zugetraut hätte. Auch wenn die Geschichte im tiefsten Australien spielt, ist sie der Lebenswelt eines deutschen Kindes näher, als es zunächst den Anschein hat.

Der elfjährige Testleser hat die 192 Seiten an einem Tag verschlungen und hatte viel Spaß dabei.

Geeignet für abenteuerlustige Wilde, oberschlaue Leseratten, kleine Angsthasen und alle anderen Kinder von etwa 10-13 Jahren.

Nathan Luff: Nichts für Weicheier. Oetinger 2011. 192 Seiten, Euro 12,00. ISBN 798-3-7891-4173-7.

Übersetzung: Yvonne Hergane-Magholder

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