Menschen auf dem Basar

Zweimal im Jahr findet in unserem Ort ein Kindersachenbasar statt, bei dem man seine gebrauchten Kinderkleider, Spielsachen und andere nicht mehr benötigte Utensilien verkaufen kann. Dieses Mal war ich wieder einmal als Helferin dabei. Als jemand, der im Homeoffice arbeitet und deswegen nicht so viel unter die Leute kommt, genoss ich die Gelegenheit, wieder einmal richtig viele Menschen zu treffen und zu beobachten. Letzteres war mein Job, denn egal wie günstig die angebotenen Waren auch sind, klauen lohnt scheinbar trotzdem. Aber man bekommt auch viele Einblicke in die Psyche der Basarkäufer. Mein Platz war bei den Spielsachen, gleich hinter dem Einlass, sodass ich auch gut mitbekam, was dort passierte.

Leider ist der Raum relativ beengt, sodass immer nur eine bestimmte Anzahl Kaufwilliger gleichzeitig eingelassen wird. Überwacht wird dies durch große IKEA-Tüten, die am Eingang ausgeteilt werden. Wer nicht das Glück hat, unter den Ersten zu sein, muss warten, bis die ersten Tüten von der Kasse zurückkommen. Das führt dazu, dass sich bereits ein halbe Stunde vor Öffnung eine Schlange vor der Tür bildet.

Nun gibt es bei uns die Regelung, dass Schwangere nicht warten müssen. Sie dürfen also die ganze Schlange überholen und bekommen ihre Tüte in die Hand gedrückt, sogar schon vor der offiziellen Öffnung. Es kommt also eine Schwangere die Treppe hoch, vielleicht eine halbe Stunde nach Beginn, und wird, erstaunlicherweise ohne jedes Murren, nach vorne durchgelassen. Dort bekommt sie gesagt, dass sie die erste freiwerdende Tüte bekommen wird. Dort gibt es auch Stühle, sodass sie sich problemlos kurz hinsetzen könnte. Die etwa zwei Minuten, die sie warten muss, nutzt sie, um einen peinlichen kleinen Aufstand zu veranstalten. Die spitzen Kommentare der anderen Wartenden, als sie schließlich drinnen verschwindet, kann sich sich jeder selbst vorstellen …

(c) birgitH  / pixelio.de

Klassisches Schema: Vater, Mutter, Kind kommen rein, der Vater bleibt mit dem Kind beim Spielzeug, die Mutter entschwindet in Richtung der Kleiderstapel. Der Vater betrachtet mehr oder weniger interessiert die Sachen auf dem Tisch, das kleine Kind hockt halb darunter und begutachtet interessiert den roten Laster von „Cars“ und den blauen Bagger.

Einer der Väter untersucht ein Barbie-Pferd, will von mir wissen, wie das funktioniert (keine Ahnung) und wackelt die ganze Zeit an den Beinen herum. Der kleine Junge spielt brav unten und wird von ihm nicht weiter beachtet. Rückkehr der schwer beladenen Mutter:

Vater: „Schau mal. Wir nehmen das Pferd, das scheint noch richtig gut zu sein.“

Sohn (unterm Tisch): „Mama, guck mal!“

Mama sucht den Preis des Lasters. 15 Euro! Sie schüttelt den Kopf und sieht den Vater missbilligend an: „Was willste denn mit dem Pferd?“ Schaut sich kurz um, entdeckt eine DVD für einen Euro, strahlt das Kind an: „Die nehmen wir!“

Der Junge schaut leicht bedröppelt, protestiert aber nicht.

Vater: „Aber das Pferd.“

Mutter, mit energischem Ton: „Wir haben doch die Holzpferde.“

Mit bedauerndem Blick stellt der Vater das Pferd zurück. Familie ab.

Ich bleibe zurück und amüsiere mich über den Vater, der so gerne das Pferd gehabt hätte. Er hat es nicht ein einziges Mal dem Jungen gezeigt, sodass ich gedacht habe, er will es für ein anderes, daheimgebliebenes Kind. Aber dann hätte er das doch sicher als Argument angeführt?

Ein anderer netter Dialog:

Ältere Frau: „Nun lass doch das Spielzeug, das ist nicht wichtig!“

Junge Frau, in trotzigem Tonfall: „Spielzeug ist doch wichtig!“

Spaß haben die Helfer an der älteren Frau, die jedes Mal kommt, zum Glück immer, wenn der erste große Trubel vorbei ist. Sie kennt die Kleidergrößen aller vier Enkelkinder, braucht aber unbedingt einen persönlichen Einkaufsberater, weil sie von dem Angebot überfordert ist. Sie verkündet dann beispielsweise, dass XY demnächt drei Jahre als wird und sie ein Geburtstagsgeschenk braucht. Ich durchforste die Tische, bis ich einige Spielsachen gefunden habe, die mir für das Alter passend erscheinen. Dann empfehle ich gleich noch ein paar Bücher, meine persönliche Mission. Darunter wählt sie dann aus, die Sachen müssen neuwertig aussehen. Bei den Kleidern läuft es genauso und am Ende entschwindet sie voll bepackt und (hoffentlich) zufrieden Richtung Kasse. Ich finde sie rührend. Sicher hat sie nicht so viel Geld und möchte ihren Enkeln trotzdem schöne Geschenke machen.

Gar nicht rührend finde ich die Menschen von Typ „Raffgeier“, die zu den Ersten gehören, die den Raum stürmen und sich haufenweise Kleider in den Beutel stopfen, sobald sie die richtige Größe gesichtet haben. Nach einer halben Stunde frohen Einpackens ziehen sie sich in eine halbwegs stille Ecke zurück und schauen in aller Ruhe, was sie davon näher interessiert. Mit ihrer Auswahl ziehen sie zufrieden von dannen und lassen den Rest einfach in der Ecke liegen. Eine Stunde lang waren die Sachen aus dem Verkehr gezogen, wären mittlerweile vielleicht längst verkauft. Nachdem die beiden Frauen beim letzten Mal verwarnt worden sind, sind sie dieses Mal nicht wieder erschienen.

Das Geld sitzt sehr unterschiedlich locker. Während einige bei jedem T-Shirt für 50 Cent überlegen, ob sie es wirklich nehmen sollen, stürmen andere herein und kaufen innerhalb von 10 Minuten ohne großes Nachdenken Buggy, Rutsche und Babyschale – zur Begeisterung der Verkäuferinnen, die die sperrigen Teile los sind und den Erlös brauchen, um ihre eigenen Schnäppchen des Tages zu bezahlen.

Schön sind auch immer die jungen Pärchen, die ernsthaft und geduldig die Vor- und Nachteile der Kinderwagen und jedes einzelnen Kleidungsstücks ausdiskutieren und die Kinder, die sich beispielsweise in ein Laufrad verlieben und damit quer durchs Gewühl Probefahrten machen.

Menschen in ihrer ganzen Vielfalt. Immer wollte ich den Trubel nicht haben, aber ein- oder zweimal im Jahr erlebe ich das richtig gern! Und außerdem ist es für einen guten Zweck, denn Schule und Kindergarten erhalten je 10 % des Erlöses.

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