Karen McCombie: Das verrückteste Mädchen der Welt und die ganze Wahrheit über Luftschokolade

Heather ist fast dreizehn Jahre alt und fühlt sich, als wäre sie in der falschen Familie gelandet. Alle außer ihr scheinen absolut perfekt: ihr Zahnarzt-Vater, ihre perfekt gestylte Mutter, der intelligente und begabte große Bruder Jo-Jo und die liebreizende kleine Schwester Tallie. Dass sie selbst ausgerechnet an einem 1. April geboren wurde, hält sie nicht für einen Zufall. Sie ist nicht besonders schlau, sieht nicht besonders gut aus und ist ein wenig chaotisch. Zum Glück scheinen sie trotzdem alle zu mögen.

Humorvoll und treffend beschreibt Heather das Leben ihrer ach so perfekten Familie ab dem Zeitpunkt, an dem „die Bombe“ einschlug. Die Bombe? Eines schönen Abends kommt ihr Vater nach Hause, beichtet der Mutter, dass er eine Freundin hat, und zieht aus. Schlagartig verändert sich das Leben aller Familienmitglieder. Die Mutter verkriecht sich tagelang im Bett, verweigert das Essen und kümmert sich um nichts. Jo-Jo lernt nicht mehr für seine Prüfungen, geht statt zum Squash zur Probe seiner Indie-Band, schminkt sich die Augen mit Kajal und zerschneidet Bilder seines Vaters. Tallie bemalt ihre Barbie-Puppen mit Edding, zieht sich unmöglich an und mag nicht mehr zum Tanzen gehen. Nur Heather bewahrt einen einigermaßen klaren Kopf und hält als einzige den Kontakt zu ihrem Vater – per E-Mail und Telefon. Turbulente Wochen vergehen, bis alle Familienmitglieder langsam in ihrem neuen Leben Fuß fassen.

Die Erzählerin Heather gewährt dem Leser tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Sie ist vollkommen verwirrt und traurig, vor allem weiß sie aber nicht, wie sie mit ihrem Vater umgehen soll. Die anderen wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben, sie aber sehnt sich nach ihm, und so sucht sie seinen Kontakt. In ihren E-Mails verheimlicht sie ihm das Ende der heilen Familie, mal beschimpft sie ihn, dann wieder bereut sie es. Man kann sich gut vorstellen, dass sich ein Mädchen, dessen Eltern sich gerade getrennt haben, genau so fühlt. Heathers Emotionen fahren Achterbahn und der Leser fühlt mit ihr. Nichts wird beschönigt, keine Alles-wird-wieder-gut-Strategie betrieben. Auch die Mutter ist kein Übermensch, der das Verlassenwerden einfach so wegsteckt, sodass Heather nur ihre beste Freundin bleibt, um ihr Herz auszuschütten. Aber auch ihr kann sie nicht voll vertrauen. In der schwierigen Situation wächst Heather mal über sich heraus, mal macht sie kompletten Unfug – auch sehr gut nachzuvollziehen.

Doch das Buch macht auch Mut. Es zeigt eine Familie, die sich nach dem anfänglichen Schock wieder berappelt. Vieles verändert sich, nicht unbedingt zum Schlechten, und am Ende haben alle wieder eine Perspektive. Es zeigt, dass es auch nach einem schlimmen Ereignis irgendwie weitergeht und man sogar irgendwann wieder lachen kann.

Das mag nun klingen, als wäre das Buch ein schrecklich rührseliges Drama, aber das ist es überhaupt nicht. Auch wenn es kaum zu glauben ist, es ist sogar ein ziemlich lustiges Buch. Die Art, wie Heather mit scharfem Blick beobachtet und sarkastisch die Ereignisse schildert, macht richtig Spaß. Ich halte es für durchaus empfehlenswert. Was mir allerdings nicht gefällt, ist der deutsche Titel, der in keiner Weise andeutet, dass es um ein schwieriges Thema geht. Der Originaltitel „An Urgent Message of Wowness“ klingt immerhin nicht so aufgesetzt fröhlich. Auch der Klappentext erwähnt mit keinem Wort, worum es in diesem Buch wirklich geht. Dort wird ein total verrücktes Ereignis angekündigt, über das ich beim Kauf gänzlich andere Vermutungen hatte. Ich frage mich, wie ein Kind reagiert, dessen Eltern vielleicht gerade eine Krise oder sich frisch getrennt haben, wenn es von einem nichtsahnenden Schenker dieses Buch bekommt, um es aufzuheitern.

Es fällt mir etwas schwer einzuordnen, für welche Kinder das Buch geeignet ist. Ich denke, sie sollten nicht jünger als zwölf sein, aber auch nicht älter als vierzehn, dann würden sie es vielleicht albern finden. Ob man es Kindern geben sollte, die gerade eine derartige Familienkrise miterleben müssen, da bin ich unsicher. Sicherlich könnten sich die Kinder gut mit den schwankenden Emotionen Heathers identifizieren, aber ob ihnen das helfen würde? Das kommt vermutlich sehr auf das Kind an … Das soll nicht heißen, dass Kinder meiner Meinung nach keine „Problembücher“ lesen sollten. Ich erinnere mich nur zu gut daran, dass ich von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bis zu „Ich trug den gelben Stern“ jede Menge Bücher gelesen habe, die nicht gerade leicht verdaulich waren. Aber ich war eben nicht selbst betroffen.

Karen McCombie: Das verrückteste Mädchen der Welt und die ganze Wahrheit über Luftschokolade. Übersetzt von Michaela Kolodziejcok. Ravensburger 2008. 255 Seiten, nur noch gebraucht erhältlich.

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