Daniela Wakonigg: Der Orient-Express

4.10.1882: Für den Belgier George Nagelmackers  geht ein Traum in Erfüllung. Von Paris setzt sich ein Schlafwagenzug mit 40 Passagieren in Richtung Orient in Bewegung. Es war eine Revolution im Reisen. Zuvor hatten diese Strecke nur Abenteurer gewagt, nun war sie mit lediglich einer Fahrkarte möglich. Als Nagelmackers Jahre zuvor in den USA die luxuriösen Pullmann-Wagen kennenlernte, war in ihm die Idee erwacht, auch in Europa das Reisen im Schlafwagen möglich zu machen. Die Gründung der  Compagnie Internationale des Wagons-Lits war 1876 das kleinere Problem. Viel schwieriger waren die Verhandlungen mit den vielen europäischen Staaten, die zu durchqueren waren, in denen zum Teil unterschiedliche Schienen verwendet wurden, unterschiedliche Währungen ebenso wie verschiedene Zeiten galten, von den Gesetzen gar nicht zu reden. Er schaffte es. Könige, Sultane, feine Damen, Politiker, Spione, Schriftsteller, Millionäre – wer etwas auf sich hielt, fuhr mit dem Orient-Express.

Überaus spannend wird die Geschichte dieser Zuglinie geschildert. Teilweise berichten Erzähler, teilweise lassen Hörspielszenen mit passenden Hintergrundgeräuschen den Zuhörer Teil der Handlung werden. Es werden nicht nur langweilige Zahlen und Fakten aneinandergereiht, in diesem Zug war etwas los! Er wurde überfallen, blieb tagelang in Schneeverwehungen stecken, der bulgarische König Ferdinand bestand darauf, selbst zu steuern, wenn der Zug in sein Land kam, er inspirierte die mitreisende Agatha Christie zu ihrem Krimi„Der Mord im Orient-Express“, Mata Hari reiste ebenso mit wie viel andere Prominenz. Natürlich war er von den Weltkriegen betroffen, aber auf ganz besondere Art: Am 11.11.1918 wurde der Waffenstillstand von Compiègne im Waggon Nr. 2419 unterzeichnet, später beschlagnahmte Hitler eben diesen Waggon und zwang die Franzosen, dort die Kapitulation zu unterschreiben.

Als er 1977 seine letzte Fahrt antritt, hat der Orient-Express viel Geschichte erlebt und viel Geschichte gemacht. Sie ist auf solche spannende und abwechslungsreiche Weise aufbereitet, dass kein Moment der Langeweile aufkommt. Die vielen Sprecher, unter ihnen – unverwechselbar – Jochen Busse, entführen die Zuhörer in eine fremde Welt. Ich hätte nie gedacht, dass eine Eisenbahnstrecke, und sei sie noch so bekannt, so interessant sein könnte. Ganz sicher ein Muss für große und kleine Eisenbahnfans, aber keinesfalls nur für sie: ein unterhaltsamer Hörspaß für alle ab 10 Jahren.

Daniela Wakonigg: Rätsel der Erde – Der Orient-Express. Headroom 2012. 1 CD: 75 Minuten, Euro 12,90, ISBN 978-3-942175-21-0

Sprecher: Philipp Schepmann, Johanna Marx, Jochen Busse, Matthias Koeberlin, Oliver Kritsch-Matzura, Lutz Riedel, Robert Steudtner, Volker Niederfahrenhorst, Katharina Wolter, Gregor Höppner, Kornelia Boje, Gunnar Kolb

Regie: Theresia Singer

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