Daniel Grey Marshall: No Exit

Eine Clique von Jugendlichen sucht den Nervenkitzel bei halsbrecherischen Schlittenfahrten und wagemutigen Sprüngen von der Eisenbahnbrücke in den Fluss. Auch der eine oder andere Ladendiebstahl trägt zum Abenteuer bei. Ansonsten besuchen sie mehr oder weniger brav und regelmäßig die Schule. Ab und zu betrinken sie sich oder rauchen ein bisschen Gras. Also ganz normale Jugendliche – oder?

Jim und seine ältere Schwester Mandy werden regelmäßig von ihrem Vater verprügelt, der gerne einen über den Durst trinkt. Mandy hat noch ganz andere Probleme, aber davon erfährt Jim erst viel später, nach ihrem Tod. Obwohl es Hinweise gab, obwohl sie entsprechende Bemerkungen macht, hat er nicht verstanden, weshalb sie so zerrissen war. Als Mandy stirbt, bricht Jims Welt vollends zusammen. Auch seine Freunde geraten in den Sog nach unten, vor allem Jeremy, der Mandy liebte. Die Jungen saufen bis zur Bewusstlosigkeit, berauschen sich mit Hustensaft und mit allem, was sie sonst in die Finger bekommen. In halb weggetretenem Zustand erlebt Jimmy sein „erstes Mal“. Als sie sich mit Dealern anlegen, können sie auch nicht mehr zurück in die Schule. Sie treiben sich monatelang in der Stadt herum, bis die Lage eskaliert.

„No Exit“ ist ein heftiges Buch, das mich immer wieder schlucken ließ. Ich konnte es nicht in einem Rutsch durchlesen, es war einfach zu schlimm. Im einführenden Kapitel kommt ein Junge nach Hause zurück, der weggelaufen war – Jim. Danach schildert er aus seinem Blickwinkel die Ereignisse, die zu seiner Flucht führten. Und der Leser erfährt, dass er nicht wegen einer Banalität davongerannt ist, wegen mehr oder weniger harmlosem Ärger mit den Eltern oder Schulschwänzerei. An so vielen Stellen möchte man eingreifen, die Jugendlichen aufhalten, einfach laut „Stopp!“schreien, aber man kann die Spirale aus Gewalt und Drogen nicht aufhalten. Wenn ich einen Artikel über Jugendgewalt in der Zeitung lese, schüttele ich oft verständnislos den Kopf. Wie konnten diese Kinder so werden? Bei dieser Lektüre versteht man es. Wie sich alles immer mehr hochschaukelt. Wie manche Dinge in besoffenem oder bekifftem Zustand angeleiert werden, sich dann nicht mehr aufhalten lassen. Wie sich die Jugendlichen in aussichtslose Lagen bringen und der einzige Ausweg, den sie sich vorstellen können, sie nur tiefer hereinreitet. Wie sie ihre eigenen Prinzipien und Regeln brechen, weil die Kumpels gerade anderes im Sinn haben und man seine Freunde doch nicht hängenlassen kann.

Eine Lektüre, die sehr unter die Haut geht. Das Buch wird für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen. Ich weiß nicht so recht. Ich habe in dem Alter auch heftige Bücher gelesen, beispielsweise „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, aber wenn ich an meine Kinder denke, schrecke ich davor zurück. Vielleicht ist es aber nur das (falsche?) Gefühl, die Kinder vor der harten Realität schützen zu müssen.

Bei den Amazon-Bewertungen habe ich gesehen, dass das Buch häufig als Schullektüre verwendet wird. Ich denke, es könnte hilfreich sein, dieses Buch in der Gruppe zu lesen und darüber diskutieren zu können. Besser, als damit alleingelassen zu werden, obwohl ich mich gut daran erinnern kann, dass der Zwang, über das Gelesene zu schreiben und zu reden, so manche Lektüre kaputtmachen kann.

Sehr gut, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen kann, hat mir die Sprache gefallen. Derb, oft verletzend, aber die Gefühle des Erzählers hervorragend transportierend. Man kann sich dadurch sehr gut in Jim hineinversetzen, fühlt sich oft in eine Welt gezogen, in die man eigentlich gar nicht so tief hineinblicken wollte. Das Ende ist sehr drastisch, sehr verstörend. Aber ein Happy End hätte zu diesem Buch wirklich nicht gepasst!

Daniel Grey Marshall: No Exit. cbt, 7. Auflage 2006, 347 Seiten, Euro 7,95, ISBN 978-3-570-30194-4.

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