Myla Goldberg: Böse Freundin

Vor einiger Zeit stolperte ich auf Twitter über den Link zu einer Leseprobe. Ich brach die Lektüre nach dem ersten Kapitel ab und bestellte das Buch. Normalerweise lege ich es mir auf meinen Wunschzettel oder notiere mir den Titel, um es nicht zu vergessen, aber hier war ich so neugierig geworden, dass ich das Buch sofort haben wollte. Hat es gehalten, was ich mir erhofft habe? Oh ja!

Auf dem Weg zur Arbeit sieht Celia ein Auto, das sie plötzlich an den schrecklichen Tag erinnert, an dem vor zwanzig Jahren ihre beste Freundin Djuna spurlos verschwand. All die Jahre hat Celia ihr schlechtes Gewissen unterdrückt und die Angelegenheit scheinbar vergessen, aber nun kommt alles wieder hoch: Sie hatte der Polizei damals eine falsche Geschichte erzählt, weil sie sich kurz vorher mit Djuna zerstritten hatte. In Wirklichkeit war diese gar nicht in ein fremdes Auto gestiegen, sondern in den Wald gelaufen und dort plötzlich verschwunden. Die Suche konzentrierte sich dadurch auf eine völlig flasche Spur.

Celia fliegt nach Hause zu ihren Eltern und versucht, mit ihnen über das Geschehene zu sprechen und ihre früheren Freundinnen wiederzufinden. Es stellt sich heraus, dass niemand ihr zu glauben scheint. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen an diesen Tag und die Ereignisse davor. Celia muss erkennen, dass sie nicht nur Djunas Leben beeinflust hat.

Celai ist eigentlich eine selbstbewusste junge Frau, die nur über Weihnachten nach Hause zu den Eltern fliegt. Dieser Aufenthalt, bei dem sie durch die Stadt fährt, nach Erinnerungen, Wahrheiten und alten Bekannten sucht, versetzt sie immer wieder zurück in ihre Kindheit. Ihr stehen die Ereignisse dieses Tages ganz klar vor Augen und es irritiert sei, dass ihr verschiedene Leute sagen, dass es so gar nicht gewesen sein. Was sie aber vollkommen vergessen oder verdrängt hat, ist die Zeit vor Djunas Verschwinden. Ihre Spiele. Ihre Gemeinheiten anderen Mädchen gegenüber. Ihre Manipulationen. Je mehr Spuren sie nachgeht, desto uneinheitlicher wird das Bild, das der Leser bekommt. Während er anfangs Celias Version glaubt, zweifelt er sie im Verlauf der Lektüre ebenso an wie andere Protagonisten. Interessant ist hier zwar einerseits der alte Kriminalfall, der durch Celias Bestrebungen wieder aufgerollt wird, andererseits gewinnt ihr Psychogramm immer mehr an Bedeutung. Ist die farblos wirkende Celia wirklich so, wie sie vorgibt zu sein? Kann sie tatsächlich dieses unausstehliche Mädchen gewesen sein?  Was hat sie eigentlich noch alles angestellt, wessen Leben noch negativ beeinflusst?

Viele Leserinnen werden sich sicherlich an der einen oder anderen Stelle sogar in Celia und Djuna hineinversetzen können. Gar so grausam waren hoffentlich nicht viele, aber dass man in einer Gruppe von Mädchen ein anderers mal ein bisschen schikaniert hat? Wegen doofer Klamotten oder aus aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen? Mir jedenfalls kamen einige Erinnerungen an Handlungen, die mich nicht gerade glücklich machten. Und ich erinnerte mich wieder genau, wie es ist, wenn andere Kinder auf einem herumhacken. Und wie sehr ich in diesen Momenten zu „den Starken“ gehören wollte. Vielleicht ist es gerade das, was dieses Buch ausmacht. Neben einer spannenden Geschichte bringt es den Leser zum Nachdenken über seine Vergangenheit. Bin ich frei von Schuld? Oder war ich eher eines der Opfer? Und was ist eigentlich Wahrheit?

Sprachlich gab es einige kleinere Mängel, die mich aber letztlich nicht so sehr gestört haben, es ist dennoch ein empfehlenswertes Buch.

Myla Goldberg, Böse Freundin, Kindler 2012, 285 Seiten, Euro 16,96, ISBN 978-3-463-40612-1.

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4 Kommentare zu “Myla Goldberg: Böse Freundin

    • Übersetzung: Martina Tichy

      Stimmt, das sollte ich immer dazuschreiben, ich habe das teilweise schon gemacht, bin da aber zu nachlässig. Dabei steht und fällt die Qualität eines übersetzten Buches mit der Qualität der Übersetzung. Gut, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast, das hilft jetzt bestimmt eine Weile. 😉

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