Winand von Petersdorff: Das Geld reicht nie

Alle sollen satt werden, ein Dach über dem Kopf haben und Freude an ihrem Leben finden. Wie das organisiert werden kann, auch darum geht es in der Wirtschaft, und darum geht es in diesem Buch. (aus dem Vorwort)

Das Knappheitsproblem

Wie macht man Kindern klar, dass Geld nicht in unbegrenzten Mengen verfügbar ist? Je älter sie werden, desto bewusster wird ihnen zwar, dass alles seinen Preis hat und dass die Eltern das Geld für all ihre Wünsche erst einmal verdienen müssen. Trotzdem ist und bleibt es eine abstrakte Geschichte, noch dazu, wo man das Geld so selten sieht, weil es sich meist im elektronischen Verkehr befindet. Das Buch „Das Geld reicht nie. Warum T-Shirts billig, Handys umsonst und Popstars reich sind“ versucht, den jugendlichen Lesern anhand vieler anschaulicher Beispiele zu erklären, was Wirtschaft ist und wie sie funktioniert. Es beginnt ganz nah an der Lebenswelt der Leser, erklärt aber auch, wie Unternehmen und Staaten arbeiten und sich finanzieren.

Die meisten Jugendlichen haben eine ziemlich verplante Woche: Schule, Hausaufgaben, Sport, Musik, Wettkämpfe, Freunde treffen, Fernsehen, Projekte … Die Wunschliste ist meist lang, während Zeit nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht – der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden. Nicht anders ist es mit dem Geld. Auch hier ist die Menge begrenzt (durch das Einkommen der Eltern, die Höhe des Taschengeldes, das Gesparte auf dem Konto) und die Zahl der Wünsche hoch. Ganz klar, man kann nicht alles haben, Entscheidungen sind notwendig. Jede Entscheidung erfordert aber gleichzeitig einen Verzicht, erzeugt Opportunitätskosten. Oh, schon wieder wurde ein Begriff erklärt. Das geschieht hier ganz nebenbei und mit Spaß. Die Beispiele sind meist aus der Lebenswelt der Jugendlichen und somit sehr anschaulich. Kleine Ausrutscher gibt es aber auch – die Schallplatten wurden wohl bei der Aktualisierung des Buches vergessen.

Worum geht es?

Das Buch ist in die Kapitel: Was ist Wirtschaft?, Die Welt der Unternehmen, Die Welt des Arbeitgebers, Das liebe Geld, Ein Gebilde namens Staat, Die große, weite Welt und Reiche Länder, arme Länder eingeteilt. Das zeigt, welch unterschiedliche Themengebiete zur Sprache kommen. Zur Verdeutlichung ein paar Schlagworte, die ich recht willkürlich aus dem Text gefischt habe: Markt, Konkurrenz, Wettbewerb, Angebot und Nachfrage, Marktwirtschaft und Planwirtschaft, Inflation, Euro, produzierende Betriebe und Dienstleister, Boden/Arbeit/Kapital, Aktien, Börse, Zinsen, Personenunternehmen/GmbH/KG, Brutto/Netto, Finanzkrise, der „Fall Griechenland“, Steuern, die Aufgaben des Staates …

Harter Tobak für junge Leute? Ich finde, es kann nicht schaden, wenn die Kinder rechtzeitig verstehen, wie diese Welt funktioniert. Warum Handys scheinbar umsonst abgegeben werden und dass man auf Folgekosten achten muss, weil beispielsweise der Drucker sehr günstig, die Patronen aber teuer sind. Nach der Lektüre ist ihnen klar, warum die Cola an der Autobahnraststätte mehr kostet als bei Aldi. Sogar der „Fall Griechenland“ wird erklärt, natürlich nicht auf ganz aktuellem Stand, aber doch so, dass die fast täglichen Nachrichten kein Buch mit sieben Siegeln mehr sind. Gerade diesen Aspekt finde ich sehr wichtig: die Möglichkeit zu verstehen, was sie ständig im Radio oder Fernsehen hören, was die Eltern aber oft nicht kindgerecht erklären können (oder gar nicht).

Meine Meinung

Was mir besonders an diesem Buch gefallen hat? Ich stellte es mir recht schwierig vor, ein Wirtschaftsbuch „ans Kind“ zu bekommen. Erfahrungsgemäß lesen meine Kinder nicht unbedingt, was ich interessant fände. Mein dreizehnjähriger Sohn sah das Buch auf dem Tisch liegen, nahm es neugierig zur Hand, blätterte darin und fing an zu lesen. „Das kannst du mitnehmen“, bot ich großzügig an. Wenige Tage später hatte er es fertig. Die Aufmachung hat es also geschafft, sein Interesse zu wecken, die wenigen angelesenen Sätze reichten, um es soweit zu vertiefen, dass er freiwillig ein Wirtschaftsbuch las, und dann hat es ihm auch noch gefallen! Er kritisierte lediglich, dass an manchen Stellen die Dinge sehr kindlich ausgedrückt wurden (zum Beispiel die Überschriften wie „Warum ist Papa arbeitslos?“, „Warum verdient Lionel Messi mehr als mein Papa?“), anderes dann aber wieder recht kompliziert war (wenn beispielsweise von Pivate-Equity-Gesellschaften die Rede ist, finde ich das auch nicht ganz einfach). Es ist also nicht ganz gelungen, durchgängig die passende Ansprache zu verwenden. Aber offensichtlich war es nicht tragisch.

Natürlich kann es auch passieren, dass solch ein Buch von der Aktualität überrollt wird. So wird über die Zukunft von Lexika wie Brockhaus spekuliert, gerade kam in den Nachrichten, dass der Brockhaus eingestellt wird. So etwas finde ich aber gar nicht schlimm (im Gegenteil), weil es einen Anknüpfungspunkt für Gespräche mit den Kindern bietet

Ich finde das Buch im Großen und Ganzen gelungen und empfehle es gerne für Kinder ab etwa 12, 13 Jahren. Wenn sich erwachsene Leser nicht am Duzen und an den Beispielen für die Jugendlichen stören, kann es auch ihnen einen guten Überblick geben.

Eins verstehe ich jedoch nicht: Warum in der 4. , aktualisierten und überarbeiteten Ausgabe eines Buches so viele Fehler sind. Manche sind vermutlich sogar erst bei der Überarbeitung entstanden wie Trennstriche mitten im Satz (oft!). Da wünsche ich mir bei der 5. Überarbeitung etwas mehr Sorgfalt.

Cover_Petersdorff_DasGeldreichtnie

Winand von Petersdorff: Das Geld reicht neu. Warum T-Shirts billig, Handys umsonst und Popstars reich sind. Ein Wirtschaftsbuch für Jugendliche, Frankfurter Allgemeine Buch, 4. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2012, 188 Seiten, Euro 19,99, 978-3-89981-298-5.

Hier gibt es eine Leseprobe. (Hier scheint bei der Herstellung des PDFs aber einiges schiefgelaufen zu sein. Ich verspreche, dass im echten Buch auch Umlaute im Titel auftauchen und die Schrift nicht so merkwürdig verzerrt ist.)

6 Kommentare zu “Winand von Petersdorff: Das Geld reicht nie

  1. Ich grübele jetzt natürlich darüber nach, wie die Überschriften zeitgemäß lauten müssten … Vielleicht: „Warum … als mein Dad?“ 😉

    Ich musste mich sehr dagegen verwahren, nicht ständig von meinen Kindern als „Mom“ tituliert zu werden. Schließlich bezeichne ich sie ja auch nie als meine Kids oder gar Family (blöde Mode!). Aber das nur am Rande. Ich nehme doch an, der Autor hat zur Wortwahl ein paar Kinder und Jugendliche vorab befragt. Den „richtigen“ Ton für eine so heterogene Zielgruppe zu finden, stelle ich mir nicht leicht vor. 🙂

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    • Ganz einfach Vater? Das würde nicht so kleinkindmäßig klingen. Wenn ich einen Dreizehnjährigen am Telfon habe, würde ich ihn wohl nach seinem Vater fragen, einen Fünfjährigen eher nach dem Papa. Der Autor hat selber Kinder im passenden Alter, er erwähnt sie im Text (oder zumindenst waren sie bei der 1. Auflage im passenden Alter). Mom oder Dad fände ich übrigens albern, ich kenne keine Jugendlichen persönlich, die ihre Eltern so nennen.

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      • Ja, natürlich Vater – was denn sonst! Darum habe ich ja das ironisierende Smiley eingefügt. Ich kenne lauter Jugendliche – und sogar junge Erwachsene -, die von ihren Eltern als „Mom“ und „Dad“ reden. Mich dürfen sie nicht so anreden. Wie es die anderen Eltern handhaben, weiß ich nicht. Und ja – das ist soooooo albern! 🙂

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