Brauchen wir „starke“ Heldinnen in Kinderbüchern?

Vergangene Woche bat ich euch um Hinweise auf Kinderbücher mit positiven Mädchenbildern. Während meiner Suche in diversen Netzwerken verwendete ich aber auch „starke Mädchen“, ohne allzuviel darüber nachzudenken. Der Begriff war kurz, plakativ und schien mir geeignet. Wie vermutlich fast allen fiel auch mir zuerst Pippi Langstrumpf ein, auf die er wunderbar passt. Auch die Kolleginnen in meinem Liebslingsnetzwerk Texttreff brachten Ideen ein. Julia R. war es dann, die fragte, warum die Mädchen immer stark sein müssten, Mädchen sollten alles sein dürfen. Danke für diesen so wichtigen Hinweis, Julia!

Es kann nicht sein, dass als einzige Alternative zur Rosa-Glitzer-Prinzessin und zum superschlanken Model nur Weltenretterinnen à la Kim Possible stehen können. Von ihnen gibt es viele, aber sicherlich können sich zahlreiche Mädchen nicht mit ihnen identifizieren, auch wenn sie sie vielleicht toll finden.

Zum Glück sind Kinderbücher bunt und vielfältig, wenn es um die Mädchencharaktere geht: Es gibt intelligente, fleißige wie Hermine aus Harry Potter; schüchterne wie Mieke aus Miekes Anti-Schüchternheitsplan; faule Schülerinnen, die aber ihren Berufwunsch hartnäckig verfolgen wie Josie aus Close up; aufgeweckte wie Madita; besonnene wie Momo; kleine Rebellinnen wie Ronja Räubertochter; aufmüpfige Leseratten wie Mathilda; jungenhafte wie Georgina genannt George aus Fünf Freunde. Ja, selbst das schüchterne Hausmütterchen Anne aus Fünf Freunde hat seine Berechtigung. Ich fand sie immer doof dafür, dass sie lieber im Zelt zurückblieb, um das Geschirr zu spülen, anstatt mit ihren Brüdern und Cousine George auf Abenteuer auszuziehen. Aber mal ehrlich: Hätte ich den Mut gehabt, nachts mit einer Taschenlampe bewaffnet auf Verbrecherjagd zu gehen, oder wäre ich nicht vielleicht doch lieber wie Anne daheim geblieben, weil ich zu viel Angst gehabt hätte? Ich glaube, Letzteres. Selbst solche klischeehaften Charaktere wie Anne, die ein veraltetes Rollenmodell zeigen, ermöglichen, wenn sie im Kontrast zu ganz unterschiedlich gestrickten Mädchen gezeigt werden, eine Auseinandersetzung mit der Mädchenrolle. Die Leserinnen entwickeln sich, sie sind noch auf der Suche nach ihrem Weg. Es ist nur hilfreich, wenn es auch Figuren gibt, an denen sie sich reiben können! Es ist auch eine Erkenntnis herauszufinden, wie man nicht sein möchte. Und so hat vielleicht auch die Prinzessin ihre Berechtigung, wenn sie keine Ausschließlichkeit bekommt.

Mela wies mich in diesem Zusammenhang auf den empfehlenswerten Artikel I Hate Strong Female Characters hin. (Danke!) Hier wird kritisiert, dass solche starken Frauencharaktere flach und langweilig seien. Dem kann ich nur eingeschränkt zustimmen. Es gibt bessere und schlechtere Kinderbücher. Sicherlich sind in etlichen davon die Charaktere stereotyp und einseitig, lösen jedes Problem im Handumdrehn und fertig. Sehr viele zeigen aber Mädchen mit Stärken und Schwächen, mal entschlossen, mal zweifelnd.  Eine gewisse Einseitigkeit mag auch dem Alter der Leserinnen geschuldet sein. Je kürzer und einfacher der Text sein muss, um an die Lesefertigkeiten angepasst zu sein, desto weniger Raum ist für die Darstellung einer facettenreichen Persönlichkeit.

Diejenigen, die mir Titel genannt haben, haben die Notwendigkeit der Vielfalt (automatisch?) beherzigt. Auffällig dabei ist, dass in den neueren Büchern fast immer Helden beiderlei Geschlechts vorkommen, es nur noch wenige reine Jungsbücher zu geben scheint. Rosa-Glitzer-Mädchenbücher, in denen es darum geht, wie die Heldin sich einen Jungen angelt, scheint es dagegen massenhaft zu geben. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht brauchen viele pubertierende Mädchen nicht nur bedrohliche Distopien und Lebensbeschreibungen von Frauen, die ihren Weg gefunden haben, sondern müssen auch mal in eine verkitschte Traumwelt abtauchen. Vermutlich gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift.

PS: Die Liste folgt in den nächsten Tagen

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