Dezemberpäckchen

Die erste Kassette, die mein erster Sohn geschenkt bekam, war „Benjamin Blümchen als Lokomotivführer“. Er hörte sie immer wieder, bis ich mit ihm eines schönen Tages in den Spielwarenladen ging und ihm eine zweite Kassette kaufte, völlig ohne Anlass, nur weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Viele Eltern wissen, dass Hörspiele und Hörbücher eine akkustische Herausforderung darstellen können. Teilweise sind die Geschichten in Ordnung, aber die Musik ist eine Zumutung.

Ganz anders ist das bei diesem weihnachtlichen Hörbuch. Es enthält drei Geschichten, eine zu Nikolaus, eine zu Weihnachten und eine zum Jahreswechsel. Dazwischen, aber auch während der Geschichten, erklingt klassische Musik – Händel, Bizet, Gradanos – die extra für diese Produktion eingespielt wurde. Sorgfältig ausgewählt unterstreicht sie die Stimmung der Geschichten, ohne jemals nervig zu werden.

In Herr Müller Nikolaus von Ute Kleeberg lernen die Zuhörer den alten Herrn Müller kennen, der an diesem verregneten Nikolausabend wieder einmal als Nikolaus arbeitet. Auf dem Weg zu seinen Auftraggebern trifft er die lauten Kinder aus dem ersten Stock, die ihn mit großen Augen bestaunen. Während er fünfmal in verschiedenen Familien Kinder beschenkt, Liedern und Geschichten lauscht, gehen ihm die beiden Nachbarskinder nicht aus dem Kopf. Als seine Arbeit beendet ist, ist er merkwürdig unzufrieden. Er hat so viel Freude bereitet, doch er selber ist dabei nicht glücklich geworden. Da hat Herr Müller eine Idee … Und am Ende war es sein schönster Nikolausabend seit vielen Jahren.

Dezemberpäckchen ist die überarbeitete Version des Märchens „Der Wundervogel“ von Hans Christian Andersen. Ich kannte es nicht. Anfangs erinnerte es mich etwas an „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, doch dann nimmt es zum Glück eine ganz andere Entwicklung, das fand ich als Kind nämlich immer gruselig. Ein Junge möchte auf der Straße kleine Gipsschafe verkaufen, hat jedoch keinen Erfolg. Er hat Hunger und weiß, wenn er nichts verkaufen kann, bekommt er an diesem Tag nichts mehr zu essen – ebensowenig wie seine kleine Schwester und die kranke Mutter, die zu Hause auf ihn warten. Es ist bitter kalt und er friert jämmerlich, dennoch kümmert er sich um einen halb erforenen Vogel und wärmt ihn. Inzwischen haben die Straßen sich geleert. Betrübt macht sich der Junge auf den Heimweg. Unterwegs kommt er an einem prächtig beleuchteten Haus vorbei und bietet einem gut gekleideten Pärchen mutig seine Schafe an. Sie kaufen zwei davon und bezahlen ihm viel mehr, als er verlangt. Glücklich läuft er nach Hause, nicht ohne unterwegs einem alten Verkäufer, der ebenso wenig verkauft zu haben scheint wie er vorher, Dezemberpäckchen abzukaufen – kleine Geschenke mit wenig Wert. Zuhause freuen sich alle über die Geschenke und das Essen. Doch dann geschieht etwas Wunderbares …

Laut läuten die Glocken zur Mitternacht an Silvester, als in Zwölf mit der Post eine Postkutsche vor den Toren der Stadt hält. Darin sind zwölf Personen, die nacheinander genauestens beschrieben und charakterisiert werden – die Monate.

Alle drei Geschichten haben mit sehr gut gefallen. Auch wenn eine modern ist und zwei älteren Datums, schaffen sie es doch, den Geist des jeweiligen Feiertags gut zu vermitteln. Die Sprache der alten Geschichten wurde nicht krampfhaft modernisiert, etwas, was ich sehr gerne mag. Wie sollen Kinder einen breiten Wortschatz erlangen, wenn ihnen nur glattgeschliffene, auf ihr angebliches Niveau hinuntergebrochene Texte angeboten werden? Meine Kinder sind mit altmodischer Sprache immer gut zurecht gekommen, haben sich manche Begriffe erschlossen, andere erfragt und sich nie darüber beschwert. Die Kinder kommen damit klar, man muss sie nur lassen! Meine Lieblingsgeschichte ist Dezemberpäckchen, weil sie trotz des hoffnungslos erscheinenden Anfangs solch ein tröstliches Ende nimmt.

Die Sprecher (zweimal Christian Brückner, einmal Friederike Wagner) erzählen die Geschichten lebhaft, gut moduliert und mit angenehmer Stimme. Dazu die wunderschöne Musik – ein wahrer Hörgenuss, für den andere Produktionen der Verlages schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten haben.

Häufig hören die Kinder solche Geschichten ja vor dem Einschlafen. Hierzu ist, finde ich, Dezemberpäckchen wunderbar geeignet, denn die Verbindung aus Geschichten und Musik wirkt wunderbar entschleunigend. Für junge Hörer im Kindergarten- und Grundschulalter und alle, die Märchen lieben.

Cover_Dezemberpaeckchen

Dezemberpäckchen. Edition See-Igel 2004. 1 CD, 55 Minuten, Euro 12,90, ISBN 3-935261-08-X.

Sprecher: Friederike Wagner, Christian Brückner
Musiker: Antonio Pellegrini, Thomas Hofer, Fabio Morano, Helmut Menzler, France Beaudry-Wichmann, Thomas Wellen
Musikalische Gestaltung: Ute Kleeberg

Zur Verlagsseite, dort gibt es auch eine Hörprobe. Dezemberpäckchen bei Amazon

4 Kommentare zu “Dezemberpäckchen

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  3. Da ist der Anlaß doch durch gewisse Wiederholungen schon gegeben. Mir ging es mal so mit der Geschichte vom „König und dem Hofmarschal“ . Nur war dort weit und breit kein Geschäft. Da müssen wir dann durch.

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