Claude K. Dubois: Akim rennt

In Akims Land herrscht Krieg, aber in seinem Dorf merkt man nichts davon. Doch dann, Akim spielt gerade mit seinen Freunden am Fluss, hört man ein dumpfes Dröhnen, das immer lauter wird. Plötzlich kracht es in der Nähe und alle rennen kopflos davon. Akim will nach Hause laufen, doch das Haus ist zerstört, niemand ist da. Akim schreit und rennt. Er hat Angst! Akim sieht schreckliche Dinge. Irgendwann sucht er in einem Haus Unterschlupf, in dem viele Menschen sind, aber er findet niemanden, den er kennt. Doch eine fremde Frau kümmert sich um ihn. Einige Tage später kommen Soldaten, nehmen die Kinder mit und lassen sie für sich arbeiten. Akim kann fliehen. Und wieder rennt er um sein Leben. Als er eine Gruppe Flüchtlinge entdeckt, schließt er sich ihr an. In einem Flüchtlingslager bekommen sie endlich zu Essen und ein Bett. Er ist in Sicherheit, doch er vermisst seine Familie so sehr. Eines Tages wird er gerufen – man hat seine Mutter gefunden!

Wie erklärt man Kindern die Bilder von den endlosen Flüchtlingsströmen, die sie früher oder später im Fernsehen sehen? Wie erklärt man ihnen, was Krieg ist?

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Dieses Bilderbuch versucht es. Die Bilder sind sehr, sehr eindrücklich. Bleistift-Grau und etwas Sepia, das sind alle Farben. Die Bilder sind sehr zurückgenommen, zeigen oft nur vage Andeutungen, und das ist auch gut so auf den Seiten, wo Tote auf dem Boden liegen. Sie zeigen kein Blut, keine Wunden, nur Gestalten. Ich habe es dazugedacht, doch ein Kind, das entsprechende Bilder noch nicht kennt, wird es sich auch nicht vorstellen. Und doch gingen die Bilder mir sehr nahe. Oder vielleicht gerade deswegen, weil zumindest wir Erwachsenen von den grellbunten bewegten Bildern abgestumpft sind, die oft viel zu viel zeigen (spätestens im Internet stolpern wir gelegentlich unabsichtlich darüber).

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Der Text erklärt in knappen Worten, was passiert. Er steht jeweils auf der linken Seite, dann folgen auf den nächsten Seiten bis zu sieben Bilder, die das Erzählte nach und nach aufgreifen. Man liest also jeweils einen Abschnitt der Geschichte vor und schaut dann etliche Seiten Bilder ohne Text an. Das ist, wie ich finde, gut. Es bietet die Möglichkeit, Fragen der Kinder zu beantworten oder in eigenen Worten noch einmal zu erklären, was zu sehen ist. Manches wird im Text gar nicht erwähnt, so die bereits erwähnten Gestalten auf dem Boden. Immerhin nimmt die Geschichte ein für Akim gutes Ende, er findet seine Mutter wieder. Sonst wäre es Kindern wohl kaum zuzumuten.

Kann solch ein Buch die Flüchtlingsströme erklären? Ja, das kann es. Die Angst Akims ist durch das ganze Buch greifbar. Ich denke, jedes Kind (und jeder Erwachsene!) wird verstehen, warum Menschen in solch einer Situation ihre Heimat verlassen und all ihren Besitz zurücklassen. Es wird auch verstehen, wie es passieren kann, dass Kinder von ihren Eltern getrennt werden. Warum aber überhaupt Kriege geführt werden, das wird man ihnen damit nicht erklären können. Seien wir ehrlich, das verstehen wir selbst doch kaum!

Akim rennt wurde mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2014 ausgezeichnet und ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert.

Ein schweres Buch, ein sehr bewegendes Buch, ein wichtiges Buch! Für Kinder ab 6 Jahren, aber die Eltern sollten meiner Meinung nach einiges beachten: Sie sollten das Kind nicht unvorbereitet mit dem Buch überfallen. Wenn das Kind von sich aus gefragt hat, weil es beispielsweise in den Nachrichten entsprechende Bilder gesehen hat, kann es den Eltern sicher eine gute Hilfe sein. Auch nach dem ersten Vorlesen sollte man die Kinder nicht unbedingt mit dem Buch allein lassen. Das ist eine Geschichte, über die sie immer wieder werden reden wollen und müssen! Auch Kinder, die schon älter sind, sollten das Buch nicht alleine lesen oder zumindest sollte ein Erwachsener in der Nähe sein, der die zweifellos aufkommenden Fragen beantwortet.

Übrigens finde ich nicht, dass das nur ein Kinderbuch ist. Ich habe es nun schon mehrfach gelesen und jedes Mal raubt es mir regelrecht den Atem. Auch Erwachsene können sich das Leid einer Flucht damit eindrücklich vor Augen führen.

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Claude K. Dubois: Akim rennt. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Moritz 2014. 96 Seiten, Euro 12,95, ISBN 978-3-89565-268-4.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

3 Kommentare zu “Claude K. Dubois: Akim rennt

  1. Pingback: Die schönsten Bilderbücher 2014 | Kinderohren

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