Antonia Michaelis: Nashville oder Das Wolfsspiel

Svenja zieht von zu Hause aus und in Tübingen in ihre erste eigene Wohnung. Sie studiert im 2. Semester Medizin und möchte endlich frei und unabhängig sein. Dass die Wohnung unsaniert und nicht perfekt ist, ist ihr egal. Doch dann entdeckt sie im Küchenschrank ein verstörtes, schmutziges Kind, das auf dem Kopf steht. Sie nennt den Jungen, der nicht spricht, Nashville, weil das auf seinem T-Shirt steht. Er schläft unter ihrem Bett, verschwindet nachts immer wieder und kommt zerkratzt zurück. Ursprünglich will Svenja ihn an die Behörden übergeben, aber er läuft weg. Mit der Zeit fühlt sie sich verantwortlich für ihn.

Langsam findet sie auch erste Freunde an der Uni, die ihr helfen, als sie aus ihrer Wohnung muss. Alles könnte okay sein, wenn nicht eine Obdachlose ermordet worden wäre. Hatte sie etwas mit Nashville zu tun? Svenja beginnt, nachzuforschen. Dabei verwickelt sie sich immer mehr in das Schicksal anderer Menschen. Irgendwann weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Ist Nashville in Gefahr? Oder gar sie selber?

Ich glaube, ich habe ein Problem mit der Definition eines Jugendthrillers. Das ging mir schon bei Der Libellenflüsterer so. Ist ein Thriller für Jugendliche, wenn er im Studentenmillieu spielt? Aber was verbindet einen 16-jährigen Leser mit dem Studentendasein? Ist ihm das nicht genauso fremd wie andere Erwachsenenwelten? Svenja ist noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, ebenso wie manch einer ihrer Freunde. Das ist allerdings tatsächlich eine Frage, die Jugendliche besonders berührt.

Oder liegt es daran, dass er weniger brutal ist und weniger Sexszenen hat als ein Erwachsenenthriller? Gut, tatsächlich werden hier die Taten nicht bis ins kleinste Details auseinandergebröselt, brutal ist er stellenweise dennoch. Svenja schläft mit vier verschiedenen Personen, während sie auf der Suche nach dem Mann ihres Lebens ist und es gibt eine ausführliche Masturbationsszene. Vielleicht ist das alles nicht so explizit wie in manch einem Erwachsenenthriller, mag sein. Und natürlich passt es zu dem Thema „Suche“. Mir scheint, das Buch ist eher für junge Erwachsene passend, die vielleicht selber studieren oder es in der nächsten Zeit vorhaben.

Achtung, jetzt spoilere ich ein wenig!

Der Plot ist spannend, wenn auch mit gelegentlichen Längen. Richtig glaubwürdig finde ich es nicht, dass da ein Kind jahrelang auf der Straße lebt, aber wer weiß? Auch Svenjas Handlungen finde ich nicht immer nachvollziehbar. Da schläft sie eine Nacht unter freiem Himmel, obwohl sie wahnsinnige Angst hat, umgebracht zu werden, und beschließt erst am nächsten Tag, in eine Jugendherberge zu gehen? Und als sie ausgeraubt wird, geht sie nicht zur Polizei, um Anzeige zu erstatten und von wo aus sie auch ihre Mutter anrufen könnte. Sie setzt sich auch nicht so lange bei einer Freundin vor die Tür, bis diese irgendwann einmal auftaucht. Oder wartet vor der Uni, bis ihre Freunde ihr über den Weg laufen. Sie übernachtet nicht in dem Geschäft, in dem sie arbeitet, weil die Besitzerin in Urlaub ist und sie sie nicht fragen kann. Nein, sie lebt einfach auf der Straße, bei Mistwetter, wo jemand herumläuft, der Obdachlose umbringt. Zusammen mit einem Kind, das in Gefahr ist. Es tut mir leid, aber das fand ich alles nicht nachvollziehbar. Oder ihre Mutter, die sich zwar wundert, dass ihre 18-jährige Tochter ein schwer gestörtes Kind aufgenommen hat, aber ihr nicht dazu rät, professionelle Hilfe zu suchen, sondern ihr nur ein wenig mehr Geld gibt.

Gut fand ich das Ende, ich hatte nämlich den Prolog längst wieder vergessen und war überrascht, als diese Szene wieder aufgegriffen wurde.

Auch wenn das nach meiner Kritik vielleicht nicht so klingt, fand ich Nashville doch spannend zu lesen. Die Grundidee ist originell, Svenja und Nashville sind sympathische Protagonisten, mit denen ich mitgelitten und -gehofft habe, wenn sie auch ein wenig merkwürdig sind. Aber leider konnte mich das Buch nicht rundum überzeugen.

Mein persönliches Fazit: Ich lasse in Zukunft die Finger von Jugendthrillern, das ist einfach nicht meins.

Cover_Michaelis_Nashville

Antonia Michaelis: Nashville oder Das Wolfsspiel. Oetinger TB 2015. 480 Seiten, Euro 9,99, ISBN 978-3-8415-0372-5.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – und in jeder Buchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare zu “Antonia Michaelis: Nashville oder Das Wolfsspiel

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