Antonia Michaelis: Das Blaubeerhaus

Als ich zu lesen begann, dachte ich, auf mich kommt eine lockere, lustige Geschichte zu über zwei ungleiche Familien, die zusammen einige Ferienwochen in einem alten Haus verbringen und sich zusammenraufen müssen. Und zum Teil hatte ich damit recht. Drei erwachsene Geschwister, davon zwei mit jeweils drei Kindern, erben ein sehr abgelegenes Haus. In den Ferien machen sie sich zusammen auf, um einige Wochen dort zu verbringen und herauszufinden, was daran zu machen ist, bevor man es verkaufen kann. Die Familie des zehnjährigen Leos wohnt in Berlin, sie sind ziemlich alternativ. Die Familie der gleichaltrigen Imke lebt ihn Hamburg. Sport ist ihr Ein und Alles. Dazu kommt noch die ziemlich schrille Tante Fee, die in München lebt, viel meditiert und Wasser trinkt, das durch Heilsteine energetisiert wurde.

Das Haus ist baufällig und auch ein bisschen unheimlich. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser und ein Plumpsklo im Garten, aber viele glitzernde Mobiles. Als die Autoschläuche von einem Marder zerfressen werden, sind die Familien vollends von der Außenwelt abgeschlossen. Leo und Imke finden sich zunächst ziemlich blöd und erforschen jeder für sich die Gegend. Doch dann merken sie, dass es ein Geheimnis um das Haus gibt und schließen sich zusammen, um es zu erforschen. Mit einem uralten Tagebuch von Tante Lene gehen sie auf Schatz- und Spurensuche. Mehrfach gehen Familienmitglieder im dichten Wald verloren, ein mysteriöser Junge taucht auf, Tante Lenes Geschichte wird immer trauriger, aber die Fortsetzung fehlt …

Aus dem fröhlichen Ferienaufenthalt wird schnell ein großes Abenteuer. Alle Familienmitglieder, selbst die kleinsten, sind eigenständige Persönlichkeiten, richtige Charaktere. Am meisten erfährt der Leser von Leo und Imke, die die Geschichte abwechselnd erzählen. Das fand ich anfangs öfter einmal verwirrend, vor allem, weil immer von „Mama“ oder „Papa“ die Rede ist und mir oft erst nach einer Weile bewusst wurde, dass ich an die falschen Eltern gedacht hatte. Mit der Zeit habe ich mich aber halbwegs daran gehört. Durch den Wechsel der Erzählstimmen konnte man sich gut in die beiden Protagonisten einfühlen und ihre Sicht auf die Ereignisse und die jeweils andere Familie kennenlernen.

Die Geschichte bleibt aber nicht auf Dauer locker und lustig. Denn es stellt sich heraus, dass im Blaubeerhaus während des zweiten Weltkriegs jahrelang Juden versteckt waren. Anfangs verstehen Leo und Imke kaum, um was es im Tagebuch geht, weil sie noch zu jung sind, um in der Schule viel darüber gelernt zu haben. Doch sie schließen die Figuren im Tagebuch in ihr Herz. Als immer wieder merkwürdige Dinge passieren, denken sie, dass es Lenes Geist ist. Doch die Lösung ist ganz anders.

Ich finde, es ist hier gut gelungen, die dramatische Geschichte Lenes und der versteckten Juden in die Erzählung einzubinden. Mit der Zeit wird das Buch richtig spannend, immer wieder ist es auch ein wenig mysteriös. Tauchen wirklich Elfen, Einhörner und andere Fabelwesen auf? Weil das Tagebuch nur passageweise gelesen werden kann, zieht sich die Auflösung lange hin und es bleibt immer spannend. Der jeweilige (kurze) Tagebuchabschnitt löst immer wieder ein Abenteuer der aktuellen Hausbewohner aus. Das Ende fand ich sehr traurig, fast zu traurig. Auch wenn es noch eine versöhnliche Wendung nimmt, waren die Tränen schon geflossen.

Eine gute Mischung aus lustigen, spannenden und nachdenklichen Passagen ergibt ein empfehlenswertes Buch für Kinder zwischen 10 und 12 Jahre. Interesse für Geschichte ist zwar nicht nötig, aber sicherlich hilfreich.

Cover_Michaelis_Blaubeerhaus

Antonia Michaelis: Das Blaubeerhaus. Oetinger 2015. 352 Seiten, Euro 14,99, ISBN 978-3-7891-4300-7.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – und in jeder Buchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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