Paul Maar: Kartoffelkäferzeiten

Zwar ist der Krieg schon einige Jahre vorbei, doch Johannas Vater ist noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurückgekehrt. Deswegen lebt Johanna, 13, in einem Frauenhaushalt mit Oma Mariechen, ihrer Mutter Paula, deren Schwester Fanni und später auch noch mit ihrer anderen Oma, die in Nürnberg im Keller einer Ruine wohnen musste. Das Leben ist hart, es gibt wenig zu essen, an schicke Kleider ist nicht zu denken. Ablenkungen gibt es im kleinen fränkischen Dorf nur wenige, Johanna trifft sich mit ihrer Freundin Erna, geht zur Schule und hilft im Haushalt. Anfangs versteht sie sich gut mit ihrer Oma, doch als sie älter wird, merkt sie, dass diese in einigen Dingen sehr engstirnige Ansichten hat. So hat sie beispielsweise etwas gegen den Kontakt zu ihrem Schulfreund Manni, weil dieser ein uneheliches Kind ist. Irgendwann wird ihr das Dorf mit seinen Regeln und Konventionen zu eng, sie träumt sich hinaus in die Welt.

Auch wenn Johannas Lebenswelt so ganz anders als die heutiger Jugendlicher ist, denkt Johanna doch teilweise über die selben Themen nach: Freundschaft, erste Liebe, Abnabelung vom Elternhaus, die Konventionen der Gesellschaft, Berufswahl. Mir gefällt es sehr gut, wie diese zeitlose Geschichte vom Erwachsenwerden in die schwierige Zeit nach dem zweiten Weltkrieg eingebunden ist: Die Schule fällt wegen Kohlenknappheit aus, die Kinder müssten Kartoffelkäfer sammeln, das Schwein bekommt ein Menü aus Maikäfern gekocht, Johannas Mantel wurde aus einer alten Decke genäht, nur die Küche wird geheizt, das Mädchen muss Zimmer und Bett mit der Mutter teilen, bis der Vater aus dem Krieg zurückkommt, Flüchtlinge werden einquartiert … Aber es sind nicht einmal diese Härten, die den jugendlichen Lesern besonders auffallen werden, sondern die fehlenden Freiheiten. Nach Einbruch der Dunkelheit darf das Mädchen nicht mehr im Dorf unterwegs sein, wenn sie auf dem Schulweg mit ihrem Freund spricht, wird das gleich der Oma weitergetratscht, nur weil er ein uneheliches Kind ist, das Wort der Erwachsenen ist Gesetz, Johanna wird nicht gefragt, was sie nach der Schule lernen möchte, sondern der Vater bestimmt über ihren weiteren Lebensweg. Alles ist eng und ihre Fluchtgedanken für heutige Leser nur zu verständlich.

Auch wenn das in Teilen ein ernstes Buch ist, gibt es doch viele heitere und amüsante Szenen, wenn beispielsweise die beiden Omas versuchen, die Macht in der Küche zu erobern und sich gegenseitig immer wieder kleinere oder größere Seitenhiebe austeilen. Auch die Entwicklung von einer Freundschaft zu einer zarten Liebe wird überzeugend dargestellt.

Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch Paul Maars für ältere Leser gelesen habe. Ich bin sehr angetan davon, wie es auf unterhaltsame Weise ein Bild der Nachkriegszeit zeichnet. Für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren, aber durchaus auch für Erwachsene lohnend.

Cover_Maar_Kartoffelkäferzeiten

Paul Maar: Kartoffelkäferzeiten. Oetinger TB 2015. 272 Seiten, Euro 8,99, ISBN 978-3-8415-0401-2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – oder in eurer Lieblingsbuchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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