Peer Martin, Antonia Michaelis: grenzlandtage

Schülerin trifft Bootsflüchtling

Ende April. Jule steht kurz vor den Abiprüfungen, doch vorher will sie sich mit ihrer Freundin zwei Wochen Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel gönnen. Ausgerechnet da meldet sich Evelyns Blinddarm, sodass Jule alleine fliegen muss. Ein bisschen Erholung, ein bisschen lernen, das ist der Plan. Doch dann entdeckt Jule einen sehr scheuen jungen Mann mit einer verletzten Hand. Nach und nach kommt sie dahinter, was es mit ihm auf sich hat. Das führt dazu, dass ihre Ferien ganz anders verlaufen, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Am Ende muss sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen.

Und während der Tee kochte, Tee aus Kräutern der Macchia, dachte sie darüber nach, ob Deutschland ein gutes Land war. Sie hatte es bisher immer langweilig gefunden. Kalt. Grau.
Aber es gab warme Duschen dort und Meinungsfreiheit und Cappuccino aus Automaten. Niemand riegelte Stadtviertel ab, um Menschen auszuhungern, weil sie die Meinung der Regierung nicht teilten. Es gab keine Männer in Uniformen, die jemanden einsperrten, der seinen Freund ins Krankenhaus bringen wollte. Die meisten Männer in Uniformen waren damit beschäftigt, Katzen von Bäumen zu holen und Temposünder zu fotografieren.

Konfrontation mit dem „richtigen“ Leben

Eigentlich will Jule nur ein paar entspannte Ferientage verbringen, bevor der Abiprüfungsstress beginnt. Mit der Situation der Flüchtlinge, die versuchen, mit altersschwachen Booten das Mittelmeer zu überqueren, hat sie sich noch nicht näher beschäftigt. Doch auf der griechischen Insel wird sie auf einmal sehr drastisch mit diesem Problem konfrontiert. Jule ist eine ganz normale junge Frau, eine fleißige Schülerin, oft ziemlich naiv, die in einer schwierigen Situation auf einmal Entscheidungen treffen muss, die völlig außerhalb ihrer bisherigen behüteten Lebensrealität liegen. Man merkt, dass sie noch nie mit größeren Problemen konfrontiert wurde und bisher vermutlich meist ihre Eltern für sie entschieden haben. Manchmal möchte man sie einfach nur bremsen und von dem abhalten, was sie tut, weil es so furchtbar gedankenlos ist und sie erst hinterher anfängt nachzudenken. Aber gerade das fand ich realistisch geschildert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit 17 war …
Jule stößt zunächst auf Unverständnis bei ihrer Familie, ihre Freundin hält alles eher für einen Spaß und die meisten Inselbewohner reagieren ablehnend. Auch sie selbst sieht ihren Weg nicht immer klar vor sich, doch mit der Zeit entwickelt sie eine Haltung, zu der sie auch dann noch steht, als es gefährlich wird.

Konfrontation zweier Welten

Der größte Teil des Buches ist aus Jules Sicht geschildert, doch kürzere Passagen zwischendurch schildern Asmans Gedanken. Sie sind in einer anderen Schrifttype gesetzt. Deswegen und wegen des Prologs weiß weiß der Leser schon lange vor Jule, was es mit dem jungen Mann auf sich hat, welches Schicksal hinter ihm liegt.

Sehr gut und nachvollziehbar machen die beiden Autoren die Gedanken und Gefühle Jules deutlich, ebenso wie ihren langsamen Wissenszuwachs. Sie sucht sich Informationen im Internet, erinnert sich an Berichte im Fernsehen und schließlich erzählt ihr Asman seine Geschichte. So nimmt auch das Wissen des Lesers über die Situation der Flüchtlinge kontinuierlich zu: ihre Beweggründe, ihre Probleme, ihre Wünsche, aber auch die Ursachen für Aggressionen und Hass werden am Schicksal des aus Syrien stammenden Palästinensers Asman und seiner Freunde deutlich.

Ich finde die Geschichte Jules und Asmans sehr glaubwürdig geschildert. Sie berührt, sie geht nahe, sie hat viele dramatische Momente, kommt aber völlig ohne erhobenen Zeigefinger aus. Nur die Liebesgeschichte fand ich nicht hundertprozentig glaubhaft, das hat dem Buch aber nicht geschadet. Mehrmals dachte ich, ich wüsste nun, wie es ausgeht – und lag doch völlig daneben. Dieses Ende hätte ich mir so niemals vorgestellt und es ging mir sehr nahe.

Ich würde gerne viel mehr über dieses Buch schreiben und erklären, warum es mich so bewegt hat, aber ich fürchte, das wäre nicht möglich, ohne zu spoilern. An einem Einzelschicksal das Schicksal vieler anderer Flüchtlinge deutlich gemacht. Es bleibt nicht an der Oberfläche, manchmal wird es richtig heftig, es berührt und rührt. Ich war nicht in der Lage, die Rezension direkt im Anschluss an die Lektüre zu schreiben, erst einmal mussten sich die vielen Eindrücke etwas setzen.

Ein Kritikpunkt: Im Buch wird behauptet, ein Flüchtling in Deutschland könne nach seiner Anerkennung seine Geschwister nachholen, was nicht richtig ist. Ich fürchte, ohne diese Fehlinformation hätte einiges nicht funktioniert, ich habe mich trotzdem darüber geärgert, weil gerade das eine weit verbreitete Meinung ist. Ansonsten fand ich das Buch aber gut recherchiert, so weit ich das beurteilen kann.

Fazit:Eine Liebesgeschichte, ein Krimi und eine sozialkritische Schilderung sind hier eng miteinander verwoben. Eine nachdrückliche Leseempfehlung für alle ab 15 Jahren, die sich einmal aus einer anderen Perspektive mit dem Thema Flüchtlinge auseinandersetzen wollen. Aber auch ohne eine derartige Absicht ist es eine interessante, spannende, bewegende und nachdenklich machende Lektüre.

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Peer Martin, Antonia Michaelis. grenzlandtage oder Das Glück der Wanderfalter. Oetinger 2017. 464 Seiten, Euro 13,99, ISBN 978-3-8415-0469-2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – über Buch7.de – über den Onlineshop eurer Buchhandlung – und in jeder Buchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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