J. M. Barrie: Peter Pan

Ein unverzichtbarer Klassiker

Alle Kinder, außer einem, werden erwachsen.

Die Geschichte von Peter Pan wurde schon von Generationen von Kindern verschlungen und geliebt. Sie spricht die Kinder einfach an: Was für eine wundervolle Idee ist es in einem gewissen Alter, niemals erwachsen werden zu müssen, den ganzen Tag nach Belieben auf einer Insel mit anderen Kindern zu spielen und zu toben! So geschieht es Wendy und ihren Geschwistern John und Michael, die mit Peter Pan ins Nimmerland fliegen und mit den verlorenen Jungen dort wunderbare Abenteuer erleben, zum Beispiel kämpfen sie gegen Indianer und den bösen Piraten Hook. Doch Wendy kämpft gegen das Vergessen an, sie hat Heimweh. Peter allerdings möchte sie für immer im Nimmerland behalten, denn für ihn ist sie Mutterersatz.

Entführung ins Nimmerland

Peter Pan liegt hier in einer neuen, sehr aufwendigen Bearbeitung vor. Insgesamt 10 interaktive Elemente, die während der Lektüre erforscht werden können, machen das Buch zu einem besonderen Erlebnis. So gibt es Karten, die Krankenblätter der Geschwister Darling, Drehscheiben und Zeitungsausschnitte.

Was mich etwas überrascht hat, wie ich zugeben muss, ist die Sprache. Sie macht deutlich, dass der Originaltext keineswegs für kleine Kinder ist. Wegen der vielen Bearbeitungen für Kinder und der Disney-Verfilmung hält man die Geschichte für Kindergartenkinder für geeignet, doch die ungekürzte Version ist für sie sicherlich zu schwer zu verstehen.

„Nein, nein“, sagte Mr Darling jedes Mal, „ich bin für alles verantwortlich. Ich, George Darling, ich bin schuld. Mea culpa, mea culpa.“ Er hatte eine humanistische Erziehung genossen.

Auch bei mancher Bezeichnung, die man heute in einem Kinderbuch nicht mehr verwenden würde, zum Beispiel Rothäute, wird das Alter der Geschichte deutlich.

Erst einmal im Nimmerland angekommen, ist zum Verständnis glücklicherweise weniger humanistische Erziehung vonnöten.

Erst als Hook nicht mehr zu sehen war, kamen die Jungen in Bewegung. Neugierig liefen sie auf die Seite, wo das Krokodil hochklettern musste. Da erlebten sie die größte Überraschung dieser „Nacht der Nächte“, denn kein Krokodil kam ihnen zu Hilfe. Sondern Peter. Er machte ihnen ein Zeichen, dass sie nicht durch irgendeinen Schrei der Bewunderung Verdacht erregen sollten. Dann tickte er weiter.

Doch auch inhaltlich ist die Geschichte nicht ganz so leicht verdaulich, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Jungen, die im Nimmerland landen, sind aus Kinderwagen gefallen, ohne vermisst zu werden, oder auf eine andere Art verlorengegangen. Selbst die Darlingkinder stellen für ihre Eltern einen ständigen Quell der Sorge dar: Kann man sich die Kinder finanziell leisten? Kann man trotz der Kinder sein Ansehen in der Nachbarschaft aufrecht erhalten? Und auch im Nimmerland geht es auf den zweiten Blick gar nicht so kindlich, harmlos und fröhlich zu, nicht nur wegen der Kämpfe, die die Kinder auszufechten haben. Auch Peter hat seine Schattenseiten und ist nicht immer sympathisch; alle Kinder vermissen die elterliche Liebe, auch wenn ihnen das lange nicht bewusst ist.
Kinder werden nicht den ganzen Hintersinn begreifen, was aber nicht weiter schlimm ist, wie ich finde. Sie werden so viel verstehen, wie sie in ihrem Alter fassen können und beim nächsten Lesen wieder ein wenig mehr, ohne dass ihnen die Freude an der Geschichte verloren geht.

Fazit: Eine wunderschön gestaltete Klassikerausgabe, die zu besitzen Erwachsenen und die zu erforschen Kindern große Freude bereitet, über die man aber wahrscheinlich mit den Kindern reden sollte. Für Kinder ab 10 Jahren.

J. M. Barrie: Peter Pan. Mit Illustrationen von Minalima. Aus dem Englischen von Bernd Wilms. Coppenrath 2017. 256 Seiten, Euro 29,95, ISBN 978-3-649-62306-9.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei Buch7 – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in der Buchhandlung um die Ecke.

Eine weitere, sehr ausführliche Rezension findet ihr im Blog von Astrolibrium. Weniger begeistert war Mary von Marys Bücherwelten – nicht wegen der Gestaltung, sondern wegen des Inhalts.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

4 Kommentare zu “J. M. Barrie: Peter Pan

  1. Wer sich diese Originalfassungen in deutscher Übersetzung ins Leben holt, muss wissen, dass es nicht der Disney-Extrakt ist, den wir heute kennen. Auch bei „Die Schöne und das Biest“ aus dem gleichen Verlag findet man nur Leitideen der Disney – Adaption wieder. Das ist so spannend am Vergleich und zeigt, wie sehr sich die Geschichten bis heute verändert haben:

    Wir kennen heute nur die duftenden Blüten von einst. Das Blattwerk und die Wurzeln hat die Geschichte weggezupft, wie Unkraut. So schade… und so schön, wieder draufzustoßen.

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    • Ich habe das Original im Anglistik-Studium gelesen, hatte das aber gar nicht mehr so im Detail in Erinnerung. Ich habe meinen 17-jährigen Sohn befragt, der sich nur an den Film Hook erinnern konnte, nicht einmal an den Zeichentrick. Ich selber habe das Buch auch erstmals als Jugendliche gelesen, aber ich kann mich nicht erinnern, in welcher Ausgabe.

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      • Meine Tochter hat es jetzt bei der Schönen und das Biest erlebt. Film gesehen und Buch gelesen. Zwei Welten. Und beim Dschungelbuch wird es ähnlich sein. Peter Pan so wie wir ihn heute kennen ist auch sprachlich sehr verknappt. Was wird in 150 Jahren aus Harry Potter? Ein kleines Musical? Wer weiß.

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      • Das Dschungelbuch habe ich erst letzte Woche rezensiert. Das Original ist viel düsterer, nichts mit „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Das Problem ist, dass dank der Disney-Verfilmungen in den Köpfen abgespeichert ist, dass das Geschichten für kleine Kinder sind. Dann ist es nicht so einfach, ältere Kinder überhaupt dafür zu begeistern, die Originalversionen zu lesen. Sie halten das ja für Babykram.

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