Nina Weger: Ein Krokodil taucht ab (und ich hinterher)

Abruptes Ende des gewohnten Lebens

Paul will Forscher werden wie sein Vater, das ist ganz klar. Zusammen kümmern sie sich um ihre Echsen, er durfte schon mit auf Forschungsreisen und Konferenzen. Und das Beste: Er besitzt einen eigenen kleinen Aligator namens Orinoko. Akribisch führt er ein Forschertagebuch. Doch dann verliebt sich sein Vater und schließlich zieht seine neue Freundin mitsamt Tochter Elektra bei ihnen ein. Dafür muss sogar das Echsenzimmer weichen. Paul ist stinksauer. Als Orinoko versehentlich das Klo runtergespült wird, reißt Paul aus und macht sich in der Kanalisation auf die Suche nach seinem geliebten Tier. Er will nie mehr nach Hause zurückkehren. Doch zu seiner Überraschung findet er zwar nicht Orinoko, aber eine Bande von Kindern, die dort unten lebt.

Nur weg von daheim!

Paul hat sein Leben mit seinem Vater sehr genossen. Die beiden haben gemeinsame Interessen geteilt und ihren ganzen Lebensrhythmus auf die Tiere ausgerichtet. Dass das alles nach dem Einzug von Elektra und ihrer Mutter vorbei sein soll, kann Paul ohnehin nicht verstehen. Als zu allen Veränderungen noch der Verlust von Orinoko kommt, ist für ihn einfach zu viel. Doch dann trifft er in der Kanalisation auf Kinder, die alle schlimme Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht haben und deswegen weggelaufen sind. In der Dunkelheit haben sie sich gut eingerichtet. Paul fällt die Umgewöhnung schwer, aber er ist den anderen dankbar, dass sie ihn gerettet haben und ihm bei der Suche nach Orinoko helfen. Für Heimweh hat er recht wenig Zeit. Durch seine Suche bringt er das Leben seiner neuen Freunde gehörig durcheinander und bringt die Bande in große Gefahr.

Gefahrvolles Leben im Untergrund

Paul ist ein sympathischer Protagonist. Seine Handlungen sind zwar etwas überzogen, aber in seiner Situation durchaus nachzuvollziehen. Die Bandenmitglieder sind nicht alle so sympathisch. Erst nach und nach finden die Leser heraus, was den Kindern widerfahren ist und warum sie in der Kanalisation leben. Das schockiert, macht betroffen und relativiert manche vorher unverständliche Reaktion wieder. Doch jedes der Kinder hat besondere Fähigkeiten und Talente, die teilweise erstaunlich sind, aber es wird auch nachvollziehbar erklärt, wie es dazu kam.

Die Suche nach Orinoko und das Leben in der Kanalisation insgesamt bergen einige Gefahren. Das macht das Buch sehr spannend. Gegen Ende bekommt es aber auch eine nachdenkliche Seite, denn es wird deutlich, dass Pauls Sicht auf das Geschehen doch sehr subjektiv ist. Auch die anderen Familienmitglieder hatten ihre Gründe, um so zu handeln, wie sie es taten, vor allem Elektra. Und nicht alles war darauf ausgelegt, Paul zu schikanieren, wie er es empfunden hat. Das gefiel mir besonders gut, denn es zeigt den Kindern, dass es sinnvoll ist, vor dem Urteilen die andere Seite anzuhören. Als Erwachsene musste ich an der einen oder anderen Stelle schlucken, wie mit den Kindern umgegangen wurde, was leider nicht der Fantasie der Autorin entsprungen ist. Was wohl die Kinder empfinden, wenn sie von solchen Familienverhältnissen lesen?

Wissen über Krokodile und Alligatoren

Über jedem Kapitel steht eine kurze Information über Krokodilier. Dadurch und vor allem durch Pauls Erklärungen und Handlungen lernen die Leser ganz nebenbei einiges über Krokodile und Alligatoren. Auch über die Kanalisation erfährt man einiges, wobei ich nicht weiß, ob und inwieweit das realistisch ist.

Das Ende war für meinen Geschmack ein wenig zu sehr Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht nur für Paul geht alles gut aus, sondern für alle Mitglieder der Band wird eine passende Lösung gefunden. Aber he, das ist ein Kinderbuch, deswegen ist das vollkommen in Ordnung.

Fazit: Eine fantasievolle Geschichte mit ungewöhnlichem Setting und interessanten Protagonisten, die temporeich und spannend erzählt wird. Die Mischung aus Spannung, lustigen und traurigen Passagen ist optimal. Wieder eine tolle Geschichte von Nina Weger, die ich allen von 10 bis 12 Jahren unbedingt empfehle.

Nina Weger: Ein Krokodil taucht ab (und ich hinterher). Oetinger TB 2017. 336 Seiten, Euro 7,99, ISBN 978-3-8415-0463-0.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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