Jutta Wilke: Roofer

Puh, das war heftig! Nachdem ich dieses Buch beendet hatte, musst ich erst einmal ein paar Minuten aus dem Fenster starren und den vorbeiziehenden Wolken hinterherschauen.

Über den Dächern von Frankfurt

Alices Leben ist nicht einfach. Ihr Vater ist vor einigen Jahren gestorben, ihre Mutter bekommt ihr Leben selbst nicht auf die Reihe und ihr Stiefvater erwartet  von ihr vor allem Dankbarkeit und dass sie die Klappe hält. Seit Nasti in ihre Klasse gekommen ist, das unkonventionelle Mädchen mit den langen roten Dreads, hat sie wenigstens eine Freundin. Doch dann zeigt ihr Nasti eines Tages einen Clip auf ihrem Smartphone: Ein Junge in roten Turnschuhen klettert in einem Rohbau herum und wagt sich auf einem Stahlträger weit hinaus in die Luft. Und dann rutscht er ab!

Dann wurde das Bild wieder klarer und ich sah die roten Turnschuhe. Fest und sicher standen sie auf dem Boden, die Kamera schwenkte langsam nach oben, fing das Gesicht des Jungen ein. Er hatte sich ein Tuch vor den Mund gezogen, aber ich sah trotzdem, dass er grinste, dann zoomte die Kamera zurück. Er verbeugte sich mit einer eleganten Bewegung nach allen Seiten wie ein Artist in einem Zirkus. Das Display wurde schwarz.

Alice ist entsetzt, und noch mehr, als sich herausstellt, dass Nasti diesen Jungen, er nennt sich Trasher, kennt und toll findet. Sie erfährt, dass er und seine Freunde Roofer sind, was bedeutet, dass sie waghalsige Klettertouren auf Rohbauten, Baugerüsten, Kränen usw. unternehmen. Durch Nasti kommt auch Alice in diese Clique, wo sie Nikolas kennenlernt, in den sie sich verliebt. Doch dann verlangt Trasher einen Liebesbeweis von Nasti.

Leben für den Kick

Es ist nicht lange her, dass ich zum ersten Mal Clips sah, auf denen Jugendliche waghalsige Turnübungen hoch oben auf Hochhäusern machen. Verrückt, absolut verrückt!, dachte ich. Ich erfuhr, dass dieser neue „Sport“ vor allem bei russischen Jugendlichen Trend ist. Doch auch in Deutschland gibt es Jugendliche, die immer auf der Suche nach dem nächsten Kick sind. Sie brauchen keine Drogen dafür, sie leben von dem Adrenalin, das beim Klettern und dem Blick in die Tiefe ausgestoßen wird. Ein falscher Tritt und sie sind tot. Die Bestätigung, die sie im Leben sonst nicht bekommen, erhalten sie durch die vielen Klicks auf ihre Youtube-Videos und die anerkennenden oder entsetzten Kommentare. Sie nennen sich Roofer, also die, die über die Dächer laufen.

Jugendliche voller Probleme

Alice, die Höhenangst hat, hält das Ganze für vollkommen idiotisch. Eigentlich will sie damit überhaupt nichts zu tun haben, doch sie hat Angst. Zunächst hat sie Angst, ihre Freundin an Trasher zu verlieren und wieder alleine dazustehen. Dann macht sie sich Sorgen um Nasti, die vor Angst um Trasher fast verrückt wird. Und schließlich muss sie sogar um Nastis Leben fürchten, als Trasher einen Liebesbeweis fordert.

Ein Großteil der Geschichte wird aus der Sicht von Alice erzählt. Sie kennt die Szene nicht, weshalb alle Erklärungen, die der Leser braucht, gut untergebracht werden können. Alice ist sehr glaubwürdig geschildert. Ihre Probleme im Leben, die Strategien, die sie zu ihrer Bewältigung entwickelt hat (duschen, sich im Bett vergraben), ihre Eifersucht auf Trasher, die Sorge um Nasti, ihr Entsetzen angesichts des Geschehens in der Gruppe, ihre Reaktionen auf das Kennenlernen von Nik, das alles nimmt man ihr hundertprozentig ab.

Über Nasti erfahren wir nicht ganz so viel. Erst vor einiger Zeit nach Frankfurt gezogen. Ihre alleinerziehende Mutter erlaubt ihr sehr viel. Warum sie wirklich so haltlos wirkt und abdriftet, erfahren wir nicht. Die Freundschaft mit Alice gibt ihr Halt, aber als sie sich in Trasher verliebt, ist er ihr wichtiger als alles andere. Ihre Angst, ihn wieder zu verlieren, ist so groß, dass sie alles tun würde – und tut.

Nikolas, genannt Nik, ist ein ganz besonderer Charakter. Er lebt auf der Straße, seit er irgendwann aus einem Kinderheim abgehauen ist. Nur seine Beziehung zu einer ehemaligen Nachbarin und ein Buch mit Gedichten geben ihm Halt. Außerdem kümmert er sich rührend um einen älteren Obdachlosen. Wegen seiner dunklen Hautfarbe hat er es auf der Straße besonders schwer, aber auch in der Clique wird er deswegen angepöbelt, wenn er eine abweichende Meinung vertritt. Ihn trifft die Begegnung mit Alice wie ein Schlag und auch sie fühlt sich zu ihm hingezogen. Manche Kapitel werden aus seiner Schicht geschildert.

Die anderen Roofer werden nicht so detailliert beschrieben. Die Leser erfahren nicht, warum sie klettern, warum sie diesen Kick brauchen. Haben sie Schwierigkeiten in der Schule? Probleme mit den Eltern? Keine Ahnung, darauf wird nicht eingegangen. Durch Rivalitäten innerhalb der Gruppe schrauben sie ihre Ziele immer höher (im wahrsten Sinne des Wortes). Erwachsene kommen in der Geschichte kaum vor, nur über Alices Mutter und Stiefvater erfahren wir mehr. Es sind Menschen, die mit sich selbst beschäftigt sind und denen es nur wichtig ist, dass sie funktioniert. Wie es ihr geht, ist dabei völlig egal.

Gefährlicher Nervenkitzel

Das Buch ist nicht nur sehr spannend, es ist auch sehr bewegend. Es beginnt mit einer Vorschau auf einen sehr dramatischen Moment, sodass ich sofort gefesselt war. Dann erfahren die Leser erst einmal einiges über Alice und ihre Lebenssituation, bevor es zu den ersten Begegnungen mit den Roofern kommt und die Spannung sich immer mehr in die Höhe schraubt. Spätestens dann konnte ich das Buch, obwohl es schon sehr spät war, nur mit Mühe aus der Hand legen. Am Ende habe ich beim Lesen wirklich den Atem angehalten, denn dann wird es wirklich hart.

Wichtige Themen unter anderem Freundschaft, Verliebsein, erste Liebe, Liebesbeweise und Probleme mit den Eltern und der Schule werden angesprochen, sodass auch die jugendlichen Leser, deren Leben in geordneteren Bahnen verläuft, an der einen oder anderen Stelle abgeholt werden dürften.

Ein zusätzliches Plus hat das Buch für mich dadurch, dass es in Frankfurt spielt, sodass ich viele der beschriebenen Schauplätze kenne und mir so noch besser vorstellen konnte, wo die Jugendlichen herumklettern. Insgesamt ist die Schilderung der Ereignisse so authentisch, dass sie sich so abgespielt haben könnten. Gut finde ich auch, dass bei der Schilderung der waghalsigen Klettertouren zwar auch die Bewunderung vermittelt wird, die die Jugendlichen damit ernten, dass sie aber nicht verherrlicht werden. Im Gegenteil, Alices und teilweise auch Nastis Angst und Entsetzen setzen einen deutlichen Kontrapunkt.

Fazit: Eine hochdramatische, äußerst spannende und glaubwürdige Geschichte um eine Gruppe Jugendlicher, die versuchen, beim Klettern auf Hochhäusern den Kick zu bekommen. Jugendliche ab 14 Jahren werden das Buch vermutlich mit der gleichen Mischung aus Faszination und Schrecken lesen wie ich.

Jutta Wilke: Roofer. Coppenrath 2017. 256 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-649-61509-5.

Das Buch gibt es auch bei Papego. Wenn man die App herunterlädt und die zuletzt gelesene Seite einscannt, kann man bis zu 25 % des Buches digital weiterlesen. Ich habe das nicht ausprobiert, finde das aber eine spannende Idee gerade für diejenigen, die zu Hause gerne ein Printbuch lesen, das sie hinterher ins Regal stellen können, aber zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit kein Buch mitschleppen, sondern lieber auf dem Smartphone oder Tablet lesen wollen (E-Book-Reader gehen leider nicht).

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei Buch7 – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in eurer Lieblingsbuchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare zu “Jutta Wilke: Roofer

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