Akram El-Bahay: Wortwächter

Lebensgeschichten hüten

Dass Tom seine kompletten Sommerferien bei seinem bisher unbekannten Onkel verbringen soll, der in Stratford-upon-Avon lebt und (wie er natürlich auch) ein Nachfahre William Shakespeares ist, macht ihn nicht besonders glücklich. Vor allem, nachdem er bemerkt hat, dass es im Haus von Onkel David zwar unzählige Bücher gibt, aber kein Handynetz, keinen Computer und nicht einmal einen Fernseher. Das werden wohl die langweiligsten Ferien der Welt werden!

Doch schon in der ersten Nacht überschlagen sich die Ereignisse: Sein Onkel wird entführt, dessen Diener Will entpuppt sich als steinerne und zum Leben erweckte Abbildung Shakespeares und er entdeckt ein Blatt Papier, auf dem permanent seine eigenen Geschichte geschrieben wird.

Tom war müde und verwirrt.
Er begriff nicht, in was für eine Sache er da gestolpert war.
Klugerweise vertraute er dem schlauesten Geschöpf in seiner Nähe: der Seite.
Ihre weisen Worte gaben ihm Halt in dieser furchtbaren Nacht. Sie waren ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit.
Unfehlbar und …

„Hey“, zischte Tom, dem die Selbstverliebtheit der Seite auf die Nerven ging.

Tom erfährt, dass es früher den Orden der Wortwächter gab, die in der Lage waren, die Lebensseiten der Menschen zu lesen und, wenn nötig, die Geschichte behutsam umzuschreiben. Doch heute liegen Leser und Schreiber in heftigem Streit. Als plötzlich Joséphine Verne vor der Tür steht, deren Vater ebenfalls entführt wurde, ist klar, dass sie handeln müssen. Tom, Will und Josephine machen sich auf ins Hauptquartier der Leser.

Auf ihrer Suche müssen die drei um die halbe Welt reisen, schwierige Rätsel lösen und gefährliche Abenteuer überstehen. Wird es ihnen gelingen, den Schreibern das Handwerk zu legen und die entführten Leser zu befreien?

Ungewöhnliches Team

Tom und Josephine müssen wohl oder übel zusammenarbeiten, obwohl sie sich zuerst total unsympathisch sind. Tom liest bestenfalls Sportzeitschriften. Er kann es nicht fassen, dass Joséphine bei den Treffen mit den steinernen Bibliothekaren, die wie Will Ebenbilder bekannter Autoren sind, jedesmal in Verzückung gerät. Er dagegen kennt nicht mal die Verfilmungen berühmter Bücher, was in dieser Bücherwelt immer wieder Unglauben hervorruft.

Tom starrte Joséphine an, während Grace ihnen bedeutete, ihr zu folgen. „Sag mal, kennst du eigentlich jedes Buch der Welt und seinen Autor?“
„Nur die guten“, erwiderte Joséphine und schenkte Tom ein Lächeln, von dem er nicht sagen konnte, ob es mitleidig oder überheblich war.

Für Joséphine steht daher von Anfang an fest, dass er ziemlich blöd sein muss. Doch als sie sich besser kennenlernen, erkennt sie, dass er mutig und doch nicht so dumm ist. Und auch Tom mag Josephine im Laufe der Zeit immer mehr. Natürlich läuft dann nicht gleich alles perfekt, sondern es gibt auch Streit und Missverständnisse zwischen den beiden. Doch ihr gemeinsames Zeit sorgt dafür, dass sie zusammenhalten müssen. Tom hat sowieso viel damit zu tun, die Welt zu verstehen, in die er geraten ist, und damit klarzukommen, dass er eine seltene Fähigkeit hat. Als es darauf ankommt, wachsen die Kinder über sich hinaus. Ich fand beide Kinder mit ihren Eigenheiten sehr glaubhaft geschildert.

Die anderen Protagonisten sind insgesamt ziemlich spannend. Tatsächlich wird es den Lesern vermutlich an der einen oder anderen Stelle gehen wie Tom, dem die Namen der Autoren nichts sagen, aber sie werden sicher viele der vorkommenden Titel kennen wie Sherlock Holmes, Der  Hobbit, In 80 Tagen um die Welt, Der kleine Prinz oder Grimms Märchen. Will, die Nachbildung Shakespeares, ist beispielsweise ein wenig tolpatschig, aber sehr liebenswert. Jedesmal, wenn er flucht, entschuldigt er sich:

„Verzeihung, das war nicht Shakespeare.“

Ein ungewöhnlicher Protagonist ist Toms Lebensseite, die eine ordentliche Portion Humor besitzt, den Tom aber nicht immer schätzt – zum Amüsement des Lesers.

Die Handlung ist spannend und originell. Sie spielt in unserer Welt, doch dort gibt es einiges zu entdecken, was den normalen Menschen nicht bekannt ist. Jeder besitzt eine Lebensseite, die von den Lesenden gesucht und gehütet werden. Doch die Schreiber versuchen, möglichst viele von ihnen zu bekommen, vor allem die Seiten wichtiger Persönlichkeiten. Mit ihrer Hilfe können sie das Weltgeschehen umschreiben. Letztlich läuft es natürlich auf den altbekannten Kampf des Guten gegen das Böse hinaus. Dass es gar nicht so einfach ist, immer zu entscheiden, wer die Guten und wer die Bösen sind, muss nicht nur Tom lernen. Er muss auch schwierige Rätsel lösen – zum Glück helfen ihm die anderen dabei – und philosophische Fragen klären: Was ist wichtiger: die Freiheit vieler oder die Freiheit weniger?

Die Geschichte sprüht vor Fantasie. Sie hat mich sehr schnell in ihren Bann geschlagen und nicht wieder losgelassen.

Fazit: Spannend erzähltes und sehr fesselndes Abenteuer zweier Kinder in einer faszinierenden Welt, in der Lebensgeschichten umgeschrieben werden können. Für Leserinnen und Leser zwischen 11 und 15.

Akram El-Bahay: Wortwächter. ueberreuter 2018. 384 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-7641-5118-8.

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