Petra Steckelmann, Andreas Gaertner: Die Nachtschwärmer

Nächte im Reich der Fantasie

Nachtschwärmer, bei diesem Wort denken wir an Leute, die in der Nacht noch unterwegs sind, um zum Beispiel mit ein paar Freunden zu tanzen oder etwas zu trinken. Doch diese Nachtschwärmer sind anders. Sie sind klein, schnell und quicklebendig. Sie schwärmen aus, sobald es Nacht wird. Dann schnappen sie sich ihre Koffer, fliegen zu den Schlafenden und drücken ihnen Fahrscheine in die Hand, immer zwei, zur Hinreise ins Reich ihrer Fantasie und zur Rückreise in ihr Bett.

Der Fährmann, der das kleine hölzerne Boot über den Zaubersee lenkte, war sehr gewissenhaft. Ohne gültigen Fahrschein nahm er niemanden mit. Nicht hin, und auch nicht wieder zurück.

Doch es gibt Wesen, dunkle Schatten, die Träume für Unfug halten, für Zeitverschwendung. Sie sorgen dafür, dass die Zeit immer schneller läuft, sodass den Nachtschwärmern immer weniger Zeit zum Verteilen der Fahrscheine bleibt. Die Folgen sind schlimm! Alle sind unzufrieden und quengelig. Doch schließlich beobachtet ein Nachschwärmer etwas, was ihn auf eine Idee bringt …

Rettet das Reich der Träume!

Wer oder was diese Schatten sind und was ihre Motivation ist, den Menschen ihre Träume wegzunehmen, erfahren wir Leser nicht. Nur dass sie Träume für Flausen halten. Aber das ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, was passiert, als sie den Menschen ihre Träume wegnehmen. Was geschieht mit uns, wenn wir nicht träumen? Dann haben wir nicht ordentlich geschlafen und das macht uns auf Dauer unausstehlich. Das wird in dem Buch sehr schön geschildert. Wie gemein also von den Schatten, den Menschen ihre Träume wegzunehmen!

Doch die emsigen Nachtschwärmer, optisch eine Mischung aus Engeln, Menschen in Kitteln und Insekten, geben so schnell nicht auf. Sie versuchen, so viele Menschen zu besuchen, wie es nur möglich ist. Irgendwann hat dann zum Glück einer die rettende Idee. Kinder und Eltern können erleichtert aufatmen, der erholsame Schlaf ist gerettet und damit auch der Familienfrieden – und noch viel mehr.

Amüsiert habe ich mich über die Bemerkungen der Nachtschwärmer zum Sandmännchen – sie wissen schließlich genau, wo der Schlafsand in den Augen wirklich herkommt. Schön auch der Fährmann, der in der Antike die Menschen ins Totenreich brachte – natürlich nur in einer Richtung. Schlaf ist bekanntermaßen der Bruder des Todes. Der Unterschied ist, dass dieser Fährmann auch den Rückweg kennt. Also bitte die Fahrkarte nicht verlieren!

Warme Farben, spannende Details

Da die komplette Geschichte in der Nacht spielt, sind die Bilder allesamt ziemlich düster. Da statt Grau- aber warme Brauntöne gewählt wurden, um die Dunkelheit darzustellen, wirken sie dennoch nicht bedrohlich oder abschreckend, zumal auf jeder Doppelseite irgendwo goldenes Licht zu sehen ist und auf manchen Bildern Schnee Helligkeit hineinbringt. Dank ihrer weißen Kittel sind die Nachtschwärmer leicht zu entdecken, aber auch die Schatten, die einzigen schwarzen Elemente, sind gut zu erkennen. Auf den Bildern gibt es nette Details, von denen manche beim ersten Vorlesen vermutlich gar nicht auffallen werden. Da liegt ein Nachtschwärmer bäuchlings auf dem Dach und schaut durch ein beleuchtetes Fenster, wartend, dass dort jemand einschläft. Dort schläft ein Kind inmitten seines ganzes Sammelsuriums an Spielsachen. Vor dem Boot des Fährmanns sitzen drei Vögel auf einer Seerose und lassen sich treiben – auch ins Land der Fantasie?

Diese Geschichte regt wirklich die Fantasie an und könnte spannende Gespräche auslösen, wie wichtig Träume sind – nächtliche ebenso wie Tagträume. Sie ist noch nichts für die ganz Kleinen, da bräuchte es vermutlich ein wenig mehr Farbe. Doch Kinder ab fünf Jahren werden ihre Freude an der Geschichte haben und auch den philosophischen Gedanken, die sie auslöst.

Fazit: Eine schön illustrierte Geschichte über die Bedeutung der Träume, die ihre Leser ab sechs Jahren selbst ins Reich der Träume ent- und zum Träumen verführt.

Petra Steckelmann, Andreas Gaertner: Die Nachtschwärmer. Edition Pastorplatz 2018. 44 Seiten, Euro 14,00, ISBN 978-3-943833-23-2.

Eine weitere Rezension dieses Buches findet ihr im Geschichtenwolke-Kinderbuchblog.

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4 Kommentare zu “Petra Steckelmann, Andreas Gaertner: Die Nachtschwärmer

  1. Ich muß mich da beinah entschuldigen – nein, ich bin kein Biologe. Kein gelernter. Aber wenn ich den Anruf meiner älteren Tochter aus Peru: Papa, was ist das für ein Vogel? ernstnehme (meine Tochter ist studierte Biologin)… na ja, es war ein Fregattvogel und ja, ich bin da etwas extrem. Auch in meinen Texten. Einen Bio – Fehler würde ich mir nicht verzeihen. Schwärmer, Falter, Motten, Zünsler… es gibt so viele Schmetterlinge (ach ja, Bonmot: ich wollte mich mal in die Schmetterlingskunde ein bißchen einlesen. Da stand doch in einer netten Buchhandlung, da kann ich ja eh nicht einfach vorbei, ein doppelbändiges Werkchen: die 7000 wichtigsten Schmetterlingsarten Mittleuropas – ne, ja, ok, – ich habs gelassen.) Leider, bald werden es ja erheblich weniger sein, traurige Tatsache. Deshalb kann ich auch bei Kinderbüchern nicht anders: wenigstens die Bio – Tatsachen müssen stimmen!

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    • Es ist doch toll, wenn man sich einem Thema leidenschaftlich widmet!
      7000 Schmetterlingsarten (nee, nur die wichtigsten!), das wusste ich nicht, Wahnsinn!
      Ja, vermutlich werden es bald sehr viel weniger sein, das finde ich auch als Nicht- Auskennerin sehr traurig.

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  2. Nee, sorry, aber bei Nachtschwärmer denke ich nicht zunächst an schwüle Sommernächte in Manhatten und Cocktails usw. sondern an schwüle Sommernächte in Gärten und Parks und die herrlichen, oft richtig großen Schmetterlinge, Totenkopffalter, Ligusterschwärmer… ja, genau, Insekten, das wollte ich einfach gesagt haben: nicht alles gehört der puren, künstlichen Menschenwelt, es gibt auch noch, noch gibt es sie, natürliche Umwelten. Und ja, andererseits: die natürlichste Umwelt für den Menschen, den phantasiebegabten, ist die Traumwelt der Fantasie, die fantastische Welt des Traums und deshalb ist das auch eine gute Idee, so ein Buch! Wenn auch an dieser einen Stelle ein bißchen sehr Momo?! Aber gut, nicht jedesmal kann das Rad oder graue Herren, die die Zeit in Zigarren drehen, neu erfunden werden.

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    • Jeder hat andere Assoziationen beim Lesen eines Buches, das ist ja auch vollkommen okay. In Manhatten schwärmen die Leute, die ich kenne, allerdings eher selten bis nie … Ich dachte eher an beliebige Altstädte in Deutschland.
      Die Insekten heißen in meinem Sprachgebrauch Nachtfalter, dass Schwärmer eine Familie der Schmetterlinge sind, habe ich gerade erst nachgelesen. Wieder etwas dazugelernt, das kann ja nicht schaden.

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