Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee

Wow! Dieses Hörbuch hat mich gefesselt und mitgerissen wie wenige zuvor! Aber ich greife vor …

Geschwister, getrennt durch den Krieg

Das Hörbuch beginnt mit einer spannenden Szene, die die Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst nicht einordnen können. Es handelt sich um einen Ausblick auf späteres Geschehen, erst als ich an dieser Stelle angekommen war, erinnerte ich mich an den Anfang. Dann springt die Handlung auf den Juni 1941.

Nachdem die Deutschen die Sowjetunion angegriffen haben, werden Kinder aus Leningrad evakuiert, darunter auch die 13-jährigen Zwillinge Viktor und Nadja Danilow. Sie versprechen ihren Eltern, sich nicht zu trennen, was selbstverständlich für sie ist, schließlich waren sie noch nie getrennt. Ihrem Vater ist es außerdem sehr wichtig, dass Viktor verspricht, auf seine Schwester aufzupassen. Doch wenige Stunden später passiert es: Sie werden in verschiedene Züge gesteckt, sollen sich aber angeblich am Zielbahnhof wiedertreffen. Viktor gelangt in eine Kolchose in Tartastan, der Zug seiner Schwester bleibt im nahe Leningrads gelegenen Mga hängen und steht endlos in einem Bahnhof herum.

Als Viktor davon hört, dass genau dieser Zug bombardiert worden sein soll, spürt er, dass seine Schwester noch lebt. Er macht sich auf den weiten Weg nach Norden, um sie zu suchen, ist monatelang unterwegs, gerät in den Winter und erlebt dessen ganze Härten. Währenddessen muss Nadja ebenfalls unter widrigen Umständen ums Überleben kämpfen.

Zu Hause haben die Geschwister gemeinsam Tagebuch geschrieben. Nun schreiben sie getrennt weiter, damit der jeweils andere später nachlesen kann, was passiert ist. Nach dem Krieg gerät dieses Tagebuch in die Hände von Oberst Smirnow vom Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, der entscheiden muss, was mit den Angeklagten Viktor und Nadja Danilow geschehen soll, die gegen zahlreiche Gesetze verstoßen haben, nachzulesen in den Tagebüchern.

Bewegende Tagebücher

Quasi von der ersten Minute ist es diesem Hörbuch gelungen, mich zu fesseln. Es geht über acht Stunden und ich habe immer danach gegiert, weiterhören zu können.

Die Geschichte beginnt an den letzten Tagen, die die Zwillinge mit ihren Eltern in Leningrad verbringen. Man lernt ihr Alltagsleben kennen. Obwohl die Eltern in der Eremitage arbeiten und sicher nicht schlecht verdienen, teilt sich die Familie die Wohnung mit zwei anderen Familien, alle schlafen in einem Zimmer. Doch die Kinder kennen es nicht anders und fühlen sich wohl. Ihre Tage drehen sich um Schule, Pioniertreffen, Museumsbesuche und kleine Streitereien zwischen den Geschwistern. Doch nachdem am 22. Juni Deutschland die Sowjetunion angegriffen hat und der Krieg ausgebrochen ist, ändert sich ihr beschauliches Leben von einem Tag auf den anderen. Ihr Vater wird in die Miliz eingezogen, ihre Mutter soll helfen, die Eremitage zu evakuieren und sie mit den anderen Kindern aus Leningrad irgendwo aufs Land. Zunächst erwarten sie eine Art Ferienaufenthalt. Was in den nächsten Monaten auf sie zukommt, hätten sie sich niemals vorstellen können. Vor allem hätten weder die Eltern noch die Geschwister gedacht, dass sie in der Lage sein würden, all das zu tun, was sie tun müssen. Angesichts von Bedrohung, Gefahr und der Sorgen um den jeweils anderen Zwilling wachsen die beiden über sich selbst hinaus. Vor allem Viktor erlebt auf seiner langen Suche nach Nadja unmenschliche Härten. Doch nie zweifeln die beiden daran, dass ihr Geschwister noch am Leben ist, und Nadja ist fest davon überzeugt, dass Viktor auf dem Weg zu ihr ist.

Die Geschwister sind sehr sympathisch. Sie reagieren mal unglaublich mutig, besonnen und klug, aber auch mal kopflos, überstürzt oder ungerecht anderen gegenüber. Gerade das macht ihr Verhalten aber glaubwürdig. Sie sind keine Superhelden, sondern normale Kinder, die in außergewöhnlichen, oft gefährlichen Situationen Entscheidungen treffen müssen, die man 13-Jährigen sonst nicht zumuten würde.

Gabrielle Pietermann (die Synchronsprecherin von Emma Watson und Emilia Clarke) liest die Tagebücher von Nadja, Nicolás Artajo die von Viktor. Beide schaffen es, die Illusion zu erzeugen, dass wir wirklich die beiden Kinder hören. Anfangs wechseln sie sich häufig ab, fallen sich auch mal ins Wort, nach der Trennung der Kinder lesen sie ganze Kapitel oder auch mehrere Kapitel hintereinander, bevor der andere wieder zu Wort kommt. Man kann beiden sehr gut zuhören, ohne dass es einschläfernd würde (dazu ist es auch viel zu spannend).

Der Bericht der Kinder wird gelegentlich durch die amtlichen Vermerke von Oberst Smirnow (Reinhard Kuhnert) zu dem Gehörten unterbrochen, der die Tagebücher im Prinzip parallel zu uns liest und dann beurteilt. Dies bringt eine zusätzliche Spannungsebene hinein, da die Zuhörer kaum fassen können, dass die beiden wegen ihrer Erlebnisse, bei denen (aus damaliger Sicht) illegale Handlungen unausweichlich waren, nun auch noch angeklagt sind. Ich bangte die ganze Zeit, dass die Strafe nicht zu hoch ausfallen wird. Dass man dadurch von Anfang an weiß, dass die beiden überleben werden, hat meine Spannung im Verlauf der Geschichte übrigens nicht gemindert.

Zwillingsbande

Natürlich sind die Erlebnisse der Geschwister teilweise sehr spektakulär und wirken an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein wenig übertrieben, ich finde aber, dass ihre Charaktere sehr stimmig sind. Auch die Veränderungen und Entwicklungen kauft man ihnen ab. Beide haben zahlreiche Freunde, die sie unterstützen und die zusätzliche Facetten in die Handlung bringen wie das deutsche Mädchen Klara, das in Leningrad geboren und aufgewachsen, nun aber zu einer Feindin geworden ist. Auch gibt es den einen oder anderen Widersacher, wobei die schlimmsten Hemmnisse die Bürokratie, das Wetter und der Hunger sind.

Interessant ist auch, dass diese Hörbuch eine Episode des zweiten Weltkriegs, den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die Belagerung von Leningrad, aus der Sicht russischer Kinder schildert. Ich hatte nicht gewusst, dass es in anderen Ländern auch Kinderlandverschickungen gab. Natürlich ist es naheliegend, ich hatte nur noch nie darüber nachgedacht. Weh tat mir oft der Umgang des Staates mit den Kindern, schon von Kleinen wird so viel Selbstständigkeit erwartet und eine Versorgung ist, gerade während des Transports, quasi nicht vorhanden.

Vermisst habe ich eine Karte, zum Beispiel statt der Abbildung der Tagebücher oder zusätzlich zum Herausnehmen und ausklappen. Ich habe irgendwann im Internet gesucht, um nachvollziehen zu können, wo sich die Kinder jeweils befanden. Da ich die Namen der Orte aber nur gehört habe, habe ich eine ganze Weile gebraucht, um Mga zu identifizieren.

Fazit: Ich bin begeistert von diesem überaus spannenden und bewegenden Hörbuch, das für (nicht zu zart besaitete) Kinder ab 12 Jahren geeignet ist, aber das ich auch Erwachsenen nur empfehlen kann.

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. cbj audio 2018. 2 MP3-CDs, ungekürzte Lesung, 8 Stunden 21 Minuten, Euro 14,95, ISBN 978-3-8371-4338-6.

Sprecher: Gabrielle Pietermann, Nicolás Artajo, Reinhard Kuhnert

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