Alex Wheatle: Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann

(K)ein ganz normales Leben

Mo wächst in South Crongton auf, einem sozialen Brennpunkt. Ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter hat wechselnde Freunde. Seit Lloyd, der aktuelle Lebensgefährte, Mo aus dem Bett geprügelt hat, weil sie ihn provoziert hatte, hasst sie ihn. Sie will ihre Mutter unbedingt dazu überreden, ihn rauszuschmeißen. Als diese ablehnt, ist Mo stinksauer.

Er knallte die Tür zu. Ich riss sie noch einmal auf und schrie ihm durchs Treppenhaus hinterher. „Lass Mum und mich in Ruhe!“
Lloyd antwortete nicht. Ich ging wieder rein. Stampfte zurück zu Mum ins Zimmer. „Hast du das gesehen, Mum? Dein Freund war kurz davor, mir eine reinzuhauen. Dein arbeitssuchender Knastbruder-Fettarsch-Freund. Und nicht zum ersten Mal.“

Nach der Schule hängt Mo meist mit ihren Freundinnen Elaine und Naomi ab. Sie ist in Sam verliebt, der schon immer in der Wohnung unter ihr wohnt und der wie ein Bruder für sie war. Leider hat der hervorragende Schüler gerade eine andere Freundin.

Nicht nur Mos Leben gerät völlig aus den Fugen, als ein erneuter Streit zwischen ihr, ihrer Mutter und Lloyd eskaliert.

Zwischen erster Liebe und Bandenkriminalität

Mo ist eine Fünfzehnjährige, die sehr genau weiß, was sie will. Und was sie nicht will – nämlich mit dem fiesen Ex-Knacki Lloyd, der einfach mit ihrem Essensgeld abzieht, in einer Wohnung leben. Mo ist rotzfrech und hat heftige Sprüche drauf, mit denen sie die Erwachsenen immer wieder provoziert, bis diese ausrasten. Zum Glück hat sie andere Menschen, nämlich Lorna, Sams Mutter, und Sam, die sie retten, als es dramatisch wird. Sie nimmt es mit dem Gesetz nicht so genau, aber sie weiß ganz genau, wo ihre Grenzen sind. Ins Kino schleichen, ohne zu bezahlen? Läuft. Leute ablenken, damit Naomi Klamotten „shoppen“ kann, das heißt klauen? Läuft nicht.

Von alleine wäre Mo sicher nie auf die Idee gekommen, Rache zu wollen. Jedenfalls nicht Rache in der Form, die ihr die Gang vorschlägt. Doch sie will stark sein und Lloyd verletzen, deshalb stimmt sie zu. Doch nicht alles läuft ganz nach Plan und am Ende erweist sie sich als stärker, als alle gedacht haben.

Sam ist ein liebenswerter Junge. Er ist fleißig und ehrgeizig, er möchte Lehrer werden und raus aus Crongton. Er hat eine Freundin, verspricht Mo aber, mit ihr Schluss zu machen. Er macht sich große Sorgen um Mo und unterstützt sie.

Elaine die, ebenfalls ohne Vater aufwächst, hat ein gutes Zuhause mit einer Mutter und Großmutter, die sie umsorgen. Naomi dagegen lebt in einem Heim, wo sie todunglücklich ist.  Wenn die Mädchen zusammen sind, drehen sich ihre Gespräche vor allem um Jungs. Naomi hat sich Linval verguckt, einen G, also Gangsta aus der örtlichen Gang. Durch sie werden die Mädchen dort eingeführt.

Schwere Kost

Das Buch deckt ein breites Spektrum an Themen ab. Es zeigt, wie schwer es für die allein erziehenden Mütter ist, mit wenig Geld ihre Familien durchzubekommen und ihren Kindern einen hoffnungsvollen Weg ins Leben zu eröffnen. Teilweise haben sie schlimme Erfahrungen im Leben gemacht, mit denen sie fertig werden müssten. Eigentlich sehnen sich alle nur nach einem ruhigen, glücklichen Leben, doch das ist nicht so leicht zu bekommen, wenn man in South Crongton lebt. Eine Zukunft haben die Jugendlichen nicht wirklich.

„In Crongton leben ist scheiße“, fuhr ich fort. „Machen wir uns nichts vor. Selbst wenn wir die ganze Zeit über den Büchern hängen würde, am Ende gäb’s doch keine scheiß Jobs für uns – es sei denn, du willst dein Leben lang in der Keksfabrik Schokoschleim spucken. Das ist ein www dot Niemandsland mitten im Nirgendwo dot com. Hier interessiert sich keiner auch nur einen Scheiß für junge Leute.

Die Jugendlichen führen ein Leben zwischen Schule, erster Liebe, Herumalbern mit Freundinnen und (häuslicher) Gewalt, Geldsorgen, Kleinkriminalität und Bandenkrieg. Heile Familien kommen im Buch nicht vor, dass Geschwister denselben Vater haben, wird sogar als etwas Ungewöhnliches betrachtet.

„Nein“, meinte Early B. „Du verstehst mich nicht. In ihren Adern fließt dasselbe Blut – die haben dieselbe Mum und sogar denselben Pops.“

Derbe Sprache

Die Geschichte wird von Mo selbst erzählt, in ihrer Sprache. Obwohl die Lebenssituation für die Mädchen so schwierig ist, kommentieren sie ihr Leben oft sehr treffend und mit ziemlich viel Humor. Ihre Sprache ist derb, voller Slang. Die Mädchen sind frech und fluchen jede Menge herum. Sie lieben Filme, schmuggeln sich ins Kino oder schauen DVDs. Das schlägt sich mit vielen Filmverweisen in ihrer Sprache nieder.

Ich habe keine Ahnung, ob Jugendliche sich auf Deutsch wirklich so unterhalten, ich könnte mir vorstellen, dass es sehr schwer war, das Buch zu übersetzen. Aber auf mich wirkte die Sprache, von wenigen Ausreißern abgesehen, recht überzeugend. Man kann davon ausgehen, dass das englische Original Sprache und Leben in solch einem tristen Viertel ziemlich genau trifft, denn der Autor ist in solch einer Gegend aufgewachsen und landete sogar im Gefängnis, nachdem er sich an den Brixton Riots beteiligt hatte, Aufständen mit Straßenkämpfen in London 1981. Dort fand er zur Literatur. Er weiß also sehr genau, wovon er spricht, was man spürt, finde ich. Übrigens hatte ich lange gedacht, dass es sich um eine Autorin handelt und war überrascht, als als ich entdeckte, dass es sich um einen Mann handelt. Die Schilderung aus Mädchensicht finde ich sehr gelungen.

Die Handlung ist heftig, das kann man nicht anders sagen. Ich war sehr berührt, teilweise traurig. Am liebsten hätte ich Mo aufgehalten, ihr ins Gewissen geredet. Sie ist kein Charakter, der einem sofort sympathisch wäre. Sie ist nicht nur denen gegenüber abweisend, die ihr helfen wollen, sondern präsentiert sich auch dem Leser sehr spröde und zunächst abweisend. Sie hat eine große Klappe und provoziert Lloyd bis aufs Blut. Aber im Laufe des Buches, nachdem ich sie, ihre Gedanken, Träume, Wünsche und Sorgen erst einmal kennengelernt hatte und ihre Handlungen nachvollziehen konnte, auch wenn ich sie nicht unbedingt verstand, ist sie mir sehr ans Herz gewachsen.

Sehr interessant fand ich, dass die Hautfarbe in dieser Gegend keine Rolle zu spielen scheint. Sie wird nie erwähnt, niemand wird deswegen angemacht. Abgesehen vom Cover kann man sie nur aus gelegentlichen Bemerkungen schließen. Sam trägt sein Haar zur Hälfte als Afro, zur Hälfte in Corn Rows, Elaines Oma kocht westindisches Essen usw.

Im Original heißt das Buch „Straight Outta Crongton“. Ich bin ohnehin kein Fan sehr langer Titel, aber ich finde, der deutsche Titel passt auch nicht wirklich. Das ist aber meine einzige Kritik an dem Buch.

Fazit: Ein bewegendes, mitreißendes, aber gleichzeitig auch hartes Buch, das ich Leserinnen und Lesern ab 14 Jahren unbedingt ans Herz lege. Es ist keine (emotional) leichte Lektüre, aber eine lohnende!

Alex Wheatle: Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Kunstmann 2019. 280 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-95614-286-4.

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