Paul W. Bierbaum: Im Aeroplan über die Alpen. Geo Chavez’ Simplonflug

Paul W. Bierbaum: Im Aeroplan über die Alpen. Geo Chavez’ Simplonflug

Der erste Alpen-Überflug

1910. Fliegen war noch ein großes Abenteuer. Immer neue Weiten- und Höhenrekorde wurde aufgestellt. Doch dann kam man auf die Idee, im Rahmen der Mailänder Flugwoche einen Preis für die erste Alpenüberquerung auszuloben. Von Brig in der Schweiz sollte es über den Simplonpass bis nach Domodossola und weiter nach Mailand gehen. Ein riskantes Unterfangen, denn in Tälern und über den Pässen und Gipfeln wechseln die Windverhältnisse ständig, das war etwas anderes als der Flug über die Ebene. Trotzdem meldeten sich zunächst zahlreiche wagemutige junge Männer, vor Ort erschien nur ein Teil davon, darunter die zwei aussichtsreichsten Kandidaten: der in Frankreich geborene und lebende Peruaner Geo Chavez und der US-Amerikaner Weymann, der Chavez erst kürzlich einen geplanten Streckenrekord vor der Nase weggeschnappt hatte.

Abends gegen 7 Uhr, als sich beinahe niemand mehr auf dem Flugfeld befand und die Dunkelheit bereits hereinbrach, unternahm dann auch Weymann plötzlich zwei Flüge. Das erste Mal stand er bei einer Flugdauer von ca. 4 Minuten 380 m hoch über Brig, das zweite Mal blieb er nur knapp 2 Minuten in den Lüften.

Das Buch schildert die nervenaufreibenden Tage in Brig, als der Start – zunächst wegen eines Schweizer Feiertags, später wegen der schlechten Wetterverhältnisse – immer wieder verschoben werden musste, das Warten der versammelten Menge und der Journalisten, die Streitereien zwischen Presse, Organisatoren in Mailand und Brig und Meteorologen; die wenigen kurzen Flugversuche, die unternommen wurden. Schließlich wagte es Chavez trotz ungünstigen Wetter. Er erreichte Domodossola und dennoch fand das Unternehmen einen tragischen Ausgang.

Einige historische Fotos illustrieren den Bericht.

Im Nachwort gibt Herausgeberin Monika Fuchs schließlich einige Hintergrundinformationen, auch zu Geo Chavez, nach dem der Flughafen in Lima benannt ist und über den die Kinder dort heute in der Schule hören, während er hierzulange weitgehend unbekannt ist.

Spannender Augenzeugenbericht

Paul W. Bierbaum war 1910 als Journalist vor Ort, das Buch wurde kurz darauf veröffentlicht. Es fehlen also manche Erklärungen und Einordnungen, die uns Nachgeborenen das Verständnis erleichtern würden. Aber es stellte sich heraus, dass ich mir alles aus dem Zusammenhang erschließen konnte, manchmal klärte sich etwas, was mir unklar war, ein paar Sätze später. Heute würde man solch ein Buch sicher anders aufbauen, um die Spannung zu erhalten, Bierbaums Zeitgenossen wussten aber um den tragischen Ausgang, daher gibt es von Anfang an Bemerkungen dazu.

Vor die eigentlichen Ereignisse stellt Bierbaum eine zwar etwas langatmige, aber dennoch interessante Geschichte des Simplonpasses. Die Leserinnen und Leser erfahren, welche Anstrengungen seine Überwindung früher erforderte und wie der Straßenbau und später Tunnel- und Eisenbahnbau die Entfernung vermeintlich immer mehr schrumpfen ließen.

Wie schwierig das Reisen damals noch war, zeigt bereits die Schilderung der Anreise des Autors und seiner Begleiter mit dem Automobil. Da musste man schon mal aussteigen, auf einen Wegweiser klettern und mithilfe eines Streichholzes die Inschrift erhellen. Bierbaum schildert er die Planungen und die Tage des Wartens und der Fehlversuche. Das ist teilweise amüsant zu lesen. So setzten die Mailänder den Start ausgerechnet auf den 18. September fest – an dem der Schweizer Buß- und Bettag begangen und deshalb Startverbot erteilt wurde. Das führte zu heftigen Streitereien, die Volksmassen strömten dennoch, vergeblich, nach Brig. Das Ganze zog sich über Tage, wobei das Wetter schlechter wurde. Die Flieger zeigten sich immer wieder auf dem Gelände, schauten nach ihren Maschinen, flogen ein paar Minuten, bejubelt von der Menge. Einige reisten schließlich ab.

Die Schilderung der eigentlichen Überfliegung ist dagegen vergleichweise kurz, denn darüber sind nur wenige Details bekannt. Spekulationen über die Gründe für das tragische Ende gab es dafür umso mehr – das hat sich in den letzten gut hundert Jahren offensichtlich nicht wirklich geändert.

Altmodischer Charme

Logischerweise ist die Sprache etwas altmodisch, aber, wie ich fand, nicht übermäßig schwierig zu verstehen. Ab und zu stolperte ich dennoch kurz, zum Beispiel als Toiletten über den Flugplatz spazierten. Auch die Geschichte des Simplonpasses ist für denjenigen, der über ein Abenteuer aus der Zeit der Flugpioniere lesen möchte, vielleicht wenig interessant. Jugendliche, die sich für die Geschichte der Fliegerei interessieren, die die etwas weitschweifige Einführung aber vielleicht abschrecken oder langweilen würde, können das erste Kapitel ja einfach überspringen.

Mir hat es großen Spaß bereitet, das Buch zu lesen. Zum einen habe ich etwas über ein historisches Ereignis erfahren, von dem ich noch nichts wusste. Zum anderen ist die Schilderung (abgesehen vom tragischen Ende) einfach köstlich zu lesen. Diese Streitereien um den Feiertag. Die Beschuldigungen der italienischen Presse gegen die Schweizer Veranstalter, Hoteliers und sogar Meteorologen – kaum zu fassen. Die Begeisterung, mit der Journalisten und Bevölkerung die Ereignisse verfolgten und von der sich auch der Journalist Birnbaum anstecken ließ! Und der Mut der Flugpioniere, die in der Höhe jämmerlich froren; die teilweise von ihrer Sitzposition nicht einmal Boden nicht richtig erkennen konnten – nicht gerade förderlich fürs Landen –; die mangelnde Zuverlässigkeit der Instrumente; die Fragilität der Fluggeräte – und trotz allem sind sie geflogen!

Fazit: Ein spannender Augenzeugenbericht des ersten Flugs über die Alpen durch Geo Chavez für Erwachsene und Jugendliche, die sich für die Geschichte der Fliegerei interessieren oder historische Abenteuerberichte lieben.

Paul W. Bierbaum: Im Aeroplan über die Alpen. Geo Chavez’ Simplonflug. Monika Fuchs 2017. 136 Seiten, Euro 10,00, ISBN 978-3-947066-05-6.

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