Anna Herzog: Alles im Fluss

Anna Herzog: Alles im Fluss

Abgehauen

Nachdem Julis Vater gestorben ist, hat Juli, 13, einige Eigenarten entwickelt. Zum Beispiel hat sie Angst vor so ziemlich jedem Tier. Da hat ihre Mutter die Idee, dass sie die Ferien bei ihrer Tante Marthe verbringen soll, die Tiertherapeutin ist und einen kleinen Hof hat. Dort soll Juli ein wenig mit anpacken und, so die Hoffnung der Mutter, ihre Phobien vergessen. Juli ist genervt, sauer und natürlich hat sie auch Angst vor dem vielen Getier, das sie dort erwarten wird. Eigentlich würde sie die Zeit lieber damit verbringen, zu filmen. Zusammen mit ihrem Vater hat sie nämlich immer Experimentalfilme gemacht.

Dann lernt sie an einer Badestelle den gleichaltrigen Jonte kennen. Eigentlich wollen sie nur eine Testfahrt mit dem Faltboot von Jontes Opa machen. Kurz vor der Abfahrt taucht auch noch Jontes Bruder Per auf und will mit. Doch dann stellt sich heraus, dass Jonte gar nicht zurück will. Da auch Juli nichts zurück zu Tante Marthe zieht, brechen die drei Kinder zu einer abenteuerlichen Fahrt auf.

Die Insel hat eine Schale, grün und stachelig wie eine Kastanie, sie hat ein Herz mit zwei kalten Feuerstellen (und einem … äh … öh Klo?) und sie hat eine kleine Badebucht. Einen Strand mit Sand gibt es nicht, aber es geht sanft und ohne Schlamm und spitze Steine in den See hinein. Das Wasser ist kühl und anschmiegsam und Juli schwimmt weit hinaus.

Roadmovie auf dem Wasser = Boatmovie

Juli und Jonte sind beide sehr eigensinnige Charaktere. Beide schleppen Probleme mit sich herum, es dauert aber sehr lange, bis sie dazu bereit sind, sich zu öffnen und einander davon zu erzählen. Die Bootsfahrt stellt die Kinder vor viele Herausforderungen, dazu kommt die Verantwortung, die sie für Per tragen. Da die Tour zumindest von Juli und Per nicht geplant war, haben sie weder genug Verpflegung noch Geld und müssen sich etwas einfallen lassen. Da sind sie recht einfallsreich. Mehrmals stehen sie kurz davor, von den Erwachsenen entdeckt zu werden, haben aber immer eine Idee, wie sie doch wieder entkommen können. Allerdings hat sich auch Tante Marthe etwas einfallen lassen. Juli flüchtet sich immer wieder in einer Fantasywelt, in der sie eine mutige Heldin ist. Doch Jonte reagiert jedesmal sehr sauer, wenn sie von ihrer Figur erzählt. Warum er so heftig reagiert, stellt sich erst viel später heraus.

Paddeln bis zum Meer

Die Geschichte wird aus Sicht eines Erzählers erzählt, doch wird sie immer wieder von Regieanweisungen unterbrochen, die klingen, als würde Juli einen Film aus den Erlebnissen machen. Doch bleiben sie lange rätselhaft. Immer wieder ist dort von einem Mädchen die Rede, das läuft und läuft, aber nicht zum Ziel kommt. Selbst wenn gerade von lustigen Erlebnissen bei schönstem Sommerwetter die Rede ist, kommt dadurch immer wieder ein leicht bedrohliches Gefühl auf, als würde irgendwann etwas Schlimmes passieren. Aber was?

AUSSEN. WALD. WEGKREUZUNG – DIESE EINE SOMMERNACHT

MÄDCHEN

(flüstert.)

Und wo soll ich jetzt hin? An diesen Wegweiser erinnere ich mich überhaupt nicht! Ich glaube … das war falsch. Ich bin vorhin falsch abgebogen!
Schnell – wohin führt der Weg hier?

Ein Sommer der Veränderung

Alles im Fluss ist ein wunderbarer Titel für diese Erzählung. Die Handlung fließt dazu passend vor sich hin (was ich überhaupt nicht negativ meine!), erst langsam und ruhig, doch später kommen unruhige Gewässer, es gibt Unwetter, Strudel der Ereignisse und manchmal hat man das Gefühl, die Kinder steuern auf einen Wasserfall zu. Manche Passagen fand ich richtig poetisch. Vor allem durch den kleinen Per gibt es immer wieder heitere Szenen, die die teilweise etwas düstere Stimmung des Buches aufhellen. Mir gefällt sehr, wie gut die Leser nach und nach die Charaktere von Juli und Jonte kennenlernen, wobei sie die Hintergründe ihres Handelns erfahren und manche Fehleinschätzung revidieren müssen. Am Ende kommt es zum großen Showdown und wird richtig spannend. Jonte und Juli haben eine aufregende Zeit erlebt, die sie verändert zurücklässt.

Fazit: Zwei Jugendliche geraten auf der Flucht vor sich selbst immer wieder in schwierige Situationen, durch die sich besser kennenlernen und die ihre Probleme in ein neues Licht setzen. Trotz des nicht ganz leichten Themas humorvoll und spannend erzählte Geschichte für Jugendliche von 12 bis 15 Jahren.

DAs Cover zeigt einen langen, breiten Fluss, am Rand stehen Bäume. An der Seite sieht man einen Teil eines Paddelbootes mit einem darinsitzenden Mädchen.

Anna Herzog: Alles im Fluss. Just me. Coppenrath 2017. 256 Seiten, Euro 12,99, ISBN 978-3-649-62350-2.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.