Martin Petersen: Exit Sugartown

Dawn, 17 Jahre, lebt irgendwo auf dem Kontinent auf der anderen Seite des Meeres. Sie ist eine gute und fleißige Schülerin, aber sie kommt nicht dazu, ihren Abschluss zu machen. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter will sie deren Arbeit übernehmen, aber sie ist schlecht und die Familie hungert trotzdem. Als Dawn die Möglichkeit bekommt, in die „Weiße Welt“ zu gehen, wo man angeblich gut Geld verdienen kann, unterschreibt sie den Vertrag, durch den sie sich sehr verschuldet, bringt die Anzahlung auf und macht sich auf den Weg in ein besseres Leben. Eindrücklich werden die Strapazen der langen Fahrt auf einem Lastwagen, die Unterbringung in einem Lager in Nordafrika, die gefährliche Bootsfahrt und das Leben in dem Lager in Europa beschrieben. Dawn braucht dringend Geld, um ihrer Familie zu helfen und ihre Schulden zurückzuzahlen. Sie kann es nicht riskieren, zurückgeschickt zu werden. So hangelt sie sich von einem Job zum nächsten …

Dawn schildert ihre Erlebnisse im Rückblick, sie spricht sie jemandem aufs Band. Wer das ist und warum sie das tut, das erfährt der Leser erst am Ende. Entsprechend klingt die Sprache des Buches ein wenig wie in einer mündlichen Schilderung, die Sätze sind kurz, die Ausdrucksweise ist manchmal etwas derb. Ich fand, dass es sich gut lesen ließ, ich bin sehr schnell in die Handlung hineingezogen worden. Die Darstellung ist manchmal recht distanziert, auf mich machte sie den Eindruck, als wolle Dawn sich an manche Ereignisse gar nicht im Detail erinnern, damit ihre Gefühle nicht wieder hochkommen.

Dawn ist anfangs eine fröhliche junge Frau. Obwohl es ihrer Familie oft schlecht geht, ist sie doch optimistisch, dass sie etwas aus ihrem Leben machen kann. Doch nach dem Tod ihrer Mutter wird alles anders und sie sieht in der Flucht nach Europa ihre einzige Perspektive. Anfangs träumt sie noch davon, eine Universität zu besuchen. Sie nimmt viele Strapazen auf sich und ist nicht bereit aufzugeben, immer in der Hoffnung, es eines Tages zu schaffen.

Das Buch schildert sehr glaubwürdig, was einen jungen Menschen aus Afrika dazu bewegt, die Gefahren der langen Reise auf sich zu nehmen. Die Risiken werden von den Schleppern stark verharmlost und wenn die Migranten es bemerken, haben sie kaum eine Chance, einen Rückzieher zu machen. Die Aussichten im gelobten Land Europa werden dagegen in den buntesten Farben geschildert, sodass die Versuchung, sich auf den Weg zu machen, noch größer ist. Wie es Dawn in Europa ergeht, ist stellvertretend für viele andere. Ihr Schicksal zeigt, zu was Verzweiflung einen bringen kann und wie schwer es ist, von einem einmal eingeschlagenen Weg wieder abzuweichen. Teilweise ist das Buch wirklich heftig, zu zartbesaitet sollte man nicht sein. Aber ich finde, dass alles andere bei diesem Thema unangemessen wäre.

Dawns Schicksal ist mir sehr nahe gegangen. Ich finde, das Buch ist sehr gut dazu geeignet, jungen Menschen ab 14 Jahren einige Gründe für Flucht und Migration aufzuzeigen und ihnen das Schicksal dieser Menschen in Europa nahezubringen, ohne dabei in irgendeiner Weise belehrend zu wirken. Im Gegenteil, es ist ein sehr spannender Bericht.

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Martin Petersen: Exit Sugartown. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler 2016. 288 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-7915-0007-2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – über Buchhandel.de – und in der Buchhandlung um die Ecke.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.