Was haben wir gelesen? Kinderbücher in der DDR und der Bundesrepublik

Was haben wir gelesen? Kinderbücher in der DDR und der Bundesrepublik

Erste Ergebnisse meiner Umfrage

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog, auf Facebook und direkt bei Freunden und Bekannten eine Umfrage durchgeführt, bei der ich herausfinden wollte, welches die liebsten Kinderbücher der DDR-Kinder waren. Am meisten Resonanz bekam ich bei Facebook, nachdem ich alle Freunde, Bekannten und Kolleginnen getaggt hatte, von denen ich wusste, dass sie in der DDR aufgewachsen sind. Am Anfang wurden nur wenige Titel genannt, aber schon nach kurzer Zeit führte eine Nennung zur nächsten, weshalb ich nun eine achtseitige Liste beisammen habe. Ich werde drei Blogposts daraus machen, über Bilder-, Kinder- Jugendbücher.

Ich selbst stamme übrigens aus dem Westen, lebe aber seit 1999 in Thüringen, wo ich, vor allem in der Stadtbücherei und über den Kindergarten, einige DDR-Kinderbücher kennengelernt habe.

Zunächst einmal möchte ich über einige Dinge reden, die mir aufgefallen sind.

Haben die Kinder in West und Ost ähnliche Bücher gelesen?

Nein, nur in begrenztem Umfang. Eine westdeutsche Kollegin, die die Facebook-Diskussion verfolgte, schrieb:

Mannmann, die Grenze war echt dicht. Von keinem einzigen hab ich je gehört.

Tatsächlich tauchten im Laufe der Zeit aber doch etliche Titel auf, die auf beiden Seiten der Grenze bekannt waren.

Dazu zählen beispielsweise KLASSIKER wie Max und Moritz, Die Heinzelmännchen, Märchen von Grimm, Andersen und Hauff, die Bücher von Erich Kästner, Karl May, Mark Twain, Charles Dickens, Jules Verne oder Arthur Conan Doyle. Viele wiesen auf die wunderschönen Ausgaben von Märchen aus aller Welt hin, die es in der DDR gab. Entsprechende Reihen gab es auch in der Bundesrepublik.

Auch TSCHECHISCHE KINDERLITERATUR haben wir alle kennengelernt, wobei ich glaube, dass wir Westkinder vieles eher aus dem Fernsehen kennen und weniger die Bücher: Der kleine Maulwurf, Pan Tau, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Allerdings erinnere ich mich dunkel an ein Buch vom kleinen Maulwurf. Jemand erwähnte die Geschichten des kleinen Bären Mischa Kugelrund – die hatte ich auch.

Gemeinsam haben wir auch die Lektüre von Momo und Timm Thaler. Überrascht war ich über die Nennung von Astrid Lindgren, hatte ich doch einmal gehört, dass Pippi Langstrumpf in der DDR nicht erlaubt war. Das galt aber nicht für andere Titel von ihr, außerdem war die Lektüre gar nicht verboten, sondern nur der Druck, und das auch nicht die ganze Zeit:

So durfte beispielsweise die Geschichte der, laut DDR-Regierung, viel zu anarchistischen Pippi Langstrumpf zwar gelesen, lange Zeit aber nicht gedruckt werden. Als es endlich eine Druckgenehmigung für das Buch gab, kam es nur mit vielen Auslassungen und in geringer Stückzahl auf den Markt.
(Mareike Gries: Verbotene Lektüre, Deutschlandfunk Kultur, 27.09.2007,  Link)

Es gab wohl auch in anderen Fällen gekürzte Ausgaben, sodass Kinder in West und Ost nicht immer dasselbe gelesen haben. Ich hatte selber eine Buchreihe „Die schönsten Bücher für junge Leser“, bei der auch alle Titel gekürzt waren. Die Gründe waren allerdings andere.

Die DDR-Kinder nannten auch Bücher, die sie aus dem Westen bekommen haben. Nicht immer ist also ganz klar, ob es ein Buch wirklich in der DDR zu kaufen gab, sondern es nur von Glück und Beziehungen abhing, es zu bekommen.

Was wir Kinder in West und Ost auch gemeinsam hatten, ist, dass es früher viel weniger Bücher gab, die sich speziell an Jugendliche richteten. Wir haben recht bald angefangen, die Bücherschränke unserer Eltern zu durchforsten und Erwachsenenbücher zu lesen.

Politische Entscheidungen

Ich fragte, ob es in der DDR auch Jugendbücher über den Holocaust gab. Anne Frank haben wir in West und Ost gelesen, einige erwähnten Das siebte Kreuz von Anna Seghers, das aber nicht explizit ein Jugendbuch ist. Das gab es auch in der Bundesrepublik, allerdings habe ich es erst später kennengelernt. Ich habe noch viele andere Jugendbücher zu dem Thema gelesen, ich erinnere mich an die Titel Ein Stück Himmel, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl und Ich trug den gelben Stern. Sie gab es in der DDR wohl nicht.

Als ich danach gesucht habe, wann Das siebte Kreuz in der Bundesrepublik erschienen ist (1962), bin ich auf etwas Interessantes gestoßen:

Als ein Buch von Anna Seghers [Das siebte Kreuz] 1962 erstmals im Luchterhand Verlag publiziert wurde, kam es zu einer Kontroverse in den Feuilletons: Publizisten, Schriftsteller und der Verleger stritten darüber, ob es politisch opportun sei, Schriftsteller aus der DDR in der Bundesrepublik zu verlegen.
(Konstantin Ulmer: Ein Loch im literarischen Schutzwall. Die Publikationskontroverse um die Luchterhand-Ausgabe von Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“, Bundeszentrale für politische Bildung, 20.09.2012, Link)

Spannend! Da wundert es nicht, dass nicht einmal politisch wirklich unverdächtige Bilderbücher wie Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt oder Zilli, Billi und Willi nicht in der Bundesrepublik erschienen – man hätte ja dennoch einen block auf die Tätigkeit der Autoren werfen müssen – und die West-Kinder kaum DDR-Kinderbücher kennen. Ich vermute, diese Bücher waren dann oft Geschenke von Verwandten aus der DDR oder Mitbringsel von DDR-Besuchen. Für Besucher aus der Bundesrepublik gab es einen Zwangsumtausch, für das Geld wurden gerne Bücher gekauft.

Aus ähnlichen Gründen gab es in der Bundesrepublik vermutlich auch keine (oder wenige, ich weiß es nicht) Kinderbücher aus der Sowjetunion. Ich kenne die genannten Titel jedenfalls alle nicht.

Die Grenze war also tatsächlich ziemlich dicht – in beiden Richtungen.