Kenneth Oppel: Vom Suchen und Finden

Kenneth Oppel: Vom Suchen und Finden

Zwei Herzen für die Wissenschaft

USA, irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Samuel Bolt ist der Sohn eines Wissenschaftlers, der vor allem nach Dinosaurierknochen sucht und sie zusammensetzt. Von klein auf hat der mutterlose Junge sich ebenfalls mit Fossilien beschäftigt. Unbedingt möchte er in die Fußstapfen seines Vaters treten, allerdings ist er gerade von seiner Quäkerschule geflogen, weil er sich mit einem anderen Schüler geprügelt hat. Der Schulabschluss ist also erst einmal in weite Ferne gerückt.

Bei einem Vortrag seines Vaters lernt Samuel Rachel kennen. Sie ist das erste Mädchen, dass sich wie er für Naturwissenschaften interessiert. Er ist fasziniert – auch von Rachels wundervollen Augen. Das Mädchen dagegen ist eher irritiert, da es nicht besonders gut aussieht und gewohnt ist, dass die Leute es übersehen. Sie ist ebenfalls mit Naturwissenschaften aufgewachsen, da ihr Vater, Professor Cartland, sich nach dem Tod der Mutter alleine um das Mädchen gekümmert hat.

Unglücklicherweise sind die beiden Väter große Rivalen. Warum sie sich so sehr hassen, erfahren ihre Kinder erst im Laufe der Geschichte. Als sie von einem ungewöhnlich großen Dinosauriererknochen erfahren, brechen sie getrennt voneinander in die Badlands auf, auf der Suche nach dem Dino, den Samuel Tyrannosaurus Rex getauft hat – der Universitätsprofessor Cartland mit der Unterstützung etlicher Studenten und Soldaten zum Schutz, dem unabhängige Wissenschaftler Bolt, dem es immer an Geld mangelt, nur mit zwei Helfern und billigster Ausstattung.

Unbemerkt von ihren rivalisierenden Vätern kommen sich Samuel und Rachel immer näher. Wem wird es gelingen, den Riesensaurier zu finden? Wer wird wissenschaftlichen Ruhm ernten? Und werden Rachel und Samuel trotz aller Widrigkeiten zusammenkommen?

„Du würdest es auch aufregend finden. Das hier ist eine vollkommen neue Spezies! Ist das nicht der Grund, warum wir beide hier sind? Um das zu tun, was uns beiden am meisten bedeutet? Als ich die Knochen gesehen habe … da hat mein Herz gejubelt vor Glück.“
Gejubelt. Ich war eifersüchtig, auf ihren Fund und alles andere, was mich ihrer Aufmerksamkeit beraubte.

Echter Forscherstreit

Die Geschichte basiert auf dem tatsächlichen Konkurrenzkampf zweier Paläontologen Ende des 19. Jahrhunderts, Edward Drinkwater Cope und Othniel Charles Marsh, deren Rivalität unter dem Namen „Bone Wars“ bekannt wurde.

Spannende Fossiliensuche

Vom Suchen und Finden ist eine sehr spannende Geschichte – das Suchgebiet war gefährliches Indianerland, die Forscher benehmen sich teilweise sehr arrogant und überheblich gegenüber den Indianern und dem Andenken an deren Vorfahren. Man wartet also die ganze Zeit darauf, dass etwas passieren wird. Auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind hart in der Wildnis, wobei Samuel aufgrund des chronischen Geldmangels seines Vaters bedeutend schlechter lebt als Rachel, die jedoch damit zurechtkommen muss, dass ihre Leistungen ständig geringgeschätzt werden, weil sie eine Frau ist.

Samuel ist ein recht typischer junger Mann seiner Zeit. Auch wenn er der Meinung ist, dass ein intelligentes Mädchen wie Rachel unbedingt studieren können sollte und auch bei der Feldforschung zu gebrauchen ist, verfällt er doch immer wieder in machohaftes Gehabe.

Rachel dagegen ist eine faszinierende Person, die die Konventionen ihrer Zeit ablehnt. Sie ist eine moderne Frau mit unabhängigem Denken – zumindest, soweit man sie lässt. Sie näht sich einen Hosenrock, um im Herrensitz reiten zu können, möchte unbedingt studieren und wissenschaftlich arbeiten, lehnt es fürs Erste ab, Kinder zu bekommen, weil sie dann nicht mehr an Expeditionen wie dieser teilnehmen könnte. Dass sie von ihrem Vater und seinen Studenten, die deutlich weniger wissen und leisten als sie, immer von oben herab behandelt wird, macht sie rasend. Umso überraschter ist sie, dass Samuel sie anerkennt. Das schmeichelt ihr sehr, trübt aber nicht ihren Blick auf die Risiken ihrer Freundschaft. Dennoch ist sie am Ende bereit, einen schweren Schritt zu machen, um ihre Ziele und Träume verwirklichen zu können.

Beide Jugendliche eint zunächst die Liebe zur Wissenschaft und die Suche nach dem König der Dinosaurier. Doch mit der Zeit wird aus Freundschaft Liebe. Ist das wirklich Liebe? Während Samuel ganz sicher ist, hat Rachel da ihre Zweifel. Doch zwischen ihnen stehen ihre Väter, die sich mehr und mehr hassen.

An manchen Stellen war mir die Geschichte etwas zu vorhersehbar. Doch es gibt auch sehr spannende Passagen und wenn die Väter aufeinanderprallen, wird es auch mal lustig. Das ungewöhnliche Setting und der wahre Hintergrund, der zeigt, wie hart die Suche nach Fossilien war, wie begehrt die Dinosaurierknochen, welche Härten und Risiken Wissenschaftler auf sich genommen haben, das alles hat mir gut gefallen. Während die Charaktere der Väter eher etwas überzogen dargestellt sind, finde ich Rachel und Samuel überzeugend dargestellt. Sicher, manchmal habe ich mich über Samuels Ansichten geärgert, aber als junger Mann seiner Zeit ist er so überzeugender, als wenn er durch und durch moderne Ansichten hätte. Mein Lieblingscharakter ist aber eindeutig die energische, nach Unabhängigkeit strebende Rachel, die sich ungewollt von einer Abhängigkeit in die nächste begibt.

Das Buch ist abwechselnd aus der Sicht der beiden Hauptfiguren geschrieben, zu erkennen an unterschiedlichen Schrifttypen. Zunächst haben Rachel und Samuel jeweils eigene Kapitel, später wechseln sich ihre Darstellungen teilweise auch in viel kürzeren Abständen ab. Das lässt sich gut lesen und ermöglicht gute Einblicke in beider Gedankenwelt.

Das Einzige, was mir nicht so gut gefällt, ist der recht blasse Titel. Er passt zwar an sich gut, ist aber zu wenig dazu geeignet, potenzielle Leser neugierig zu machen. Und es wäre doch schade, wenn das Buch deswegen weniger Leser bekommen würde, als es verdient.

Fazit: Die Suche nach dem König der Dinosaurier, Indianerangriffe, Wild-West-Charme und eine erste Liebe unter schwierigen Bedingungen – eine tolle Mischung für einen spannenden Jugendroman für Leserinnen und Leser ab 14.

Kenneth Oppel: Vom Suchen und Finden. Aus dem Amerikanischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina. Dressler 2017. 432 Seiten, Euro 18,99, ISBN 978-3-7915-0040-9.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.